Noch einmal Einblick in die Prozessakten einer Revolte, die keiner machen wollte, bei der aber alle irgendwie dabei waren

Das Altern der Neuen Linken

(21. April 1953 bis 1. Mai 2013)

Vor fünf Jahren
starb
Lutz Schulenburg,
viel zu früh,
wie alle
.

Zu den zentralen Kategorien der kritischen Theorie gehört die von Benjamin und Adorno geprägte vom »Zeitkern der Wahrheit«; Wahrheit ist objektiv, nach Hegel, die Übereinstimmung von Begriff und Sache, aber, nach Marx, zu messen am Kriterium der gesellschaftlichen Praxis, das heißt historisch. Adorno sprach in diesem Sinne 1954 im Rundfunk vom ›Altern der Neuen Musik‹ – der Text ist in den ›Dissonanzen‹ aufgenommen. Ein Jahr später schon, für Adornos Begriffe nicht mehr nachvollziehbar, etablierte sich eine ganz andere Neue Musik: Soul und Rock ’n’ Roll. Hier lebte der Impuls fort, welcher der bürgerlichen Kunstmusik verloren ging. Und im Zuge der Soul-Explosion und Rock ’n’ Roll-Revolution realisierte sich erstmals das alte Programm der Avantgarde: die Überführung von Kunst in Lebenspraxis: als Schock, plötzlich, mit einem Knall – wovon der Pop ursprünglich handelt (d. h. Pop ist zunächst nicht die Abkürzung von Populär, sondern meint – ›to pop‹ – ›Platzen‹, ›Knallen‹ …). Doch die Popkunst stieß nicht von Außen, als autonome Kunst, in die Gesellschaft, sondern verstand sich als Reflex, gleichsam als Rückkopplung der bestehenden Verhältnisse, in denen das Soziale bereits zur kulturellen Wirklichkeit geronnen war: die Musik in der verwalteten Welt wurde zum Soundtrack der verwalteten Welt, blieb aber zugleich im Widerspruch zu ihr. Anders gesagt: Der Schock, der vom Rock ’n’ Roll ausging, verflüchtigte sich als Spektakel und griff das Spektakel immer wieder an. In den sechziger Jahren folgte die Politisierung, mit ihrem Kulminationspunkt Mai 1968.

Will man, vierzig Jahre später, diesem Jahr 1968 eine Physiognomie geben, dann geht es nicht um die historistische Isolierung des Datums (»So war das damals …«, »Ich war dabei …« etc.), sondern um eben diesen Zeitkern der Wahrheit, das heißt um die Aktualisierung der sozialen Verhältnisse, die als Vergangenheit in die Gegenwart ragen. Es geht um das, was Ernst Bloch einmal als ›Erbschaft dieser Zeit‹ bezeichnete und Walter Benjamin in seinen Thesen über den Begriff der Geschichte mit einem Wort Nietzsches ›Jetztzeit‹ nannte.

Bereits im November letzten Jahres, 2007, eröffnete die Illustrierte ›Stern‹ eine Serie zum Thema ›Die 68er. Wie eine Generation die Welt veränderte‹. Das Cover zeigte eine lieblose Montage ikonografischer Fotoausschnitte: Im Zentrum das laszive Porträt einer jungen Frau, die mit Cut & Paste zum Blumenmädchen verwandelt wurde. Um sie herum die Männer, die die Welt damals bewegt haben sollen: US-Soldaten in Vietnam, Rudi Dutschke, Jimi Hendrix und ›Easy Rider‹-Protagonisten Dennis Hopper und Peter Fonda. Im Heft beginnt die Serie obligatorisch mit dem Foto der Kommune I, auf dem alle wie bei einer Polizeidurchsuchung nackt an der Wand stehen, die Hände erhoben; nur ein kleiner Junge schaut sich frech um. Dann ein Demobild, kontrastiert vom nächsten Bild, das deutsche Wohlstandsspießer zeigt. Weiter geht es mit einer der schrecklich-berühmten Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg, gefolgt von Woodstock und Benno Ohnesorg; Twiggy gefolgt vom Berliner Vietnam-Kongress und Jimi Hendrix. Eine Momentaufnahme aus einem Kinderladen beschließt die Bildstrecke. Der eigentliche erste Teil der Serie ist dann ein Text mit allerhand Erlebnisberichten und Anekdoten, im Stil einer durchaus informierten wie informativen Chronik. Hier wird auf Marcuses »Buch« (tatsächlich ist es ein Essay) ›Repressive Toleranz‹ verwiesen, »eine Bibel der 68er«.

Zentrale These Marcuses war: Die bestehende Gesellschaft ist nicht länger darauf angewiesen, oppositionelle Kräfte mit Gewalt zu unterdrücken, sondern vermag ohne weiteres den Protest zu integrieren und sogar in ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung umzukehren. Dazu gehört genau das Verfahren, das der ›Stern‹ in seiner Reportageserie anwendet: Die radikale Kritik wird lächerlich gemacht oder als Wahnsinn überzeichnet (Adorno wird zum »Propheten der Bewegung«, »die soziologischen, psychologischen, marxistischen und maoistischen Wegweiser … wurden jetzt verschlungen wie Krimis«, die USA führten einen »hochtechnisierten Vernichtungskrieg gegen kleine Männer in Plastiksandalen und schwarzen Pyjamas« …), während die politischen Forderungen zur Selbstverständlichkeit nivelliert werden. Dadurch wird weniger ein Bild von 1968 gezeichnet, sondern vielmehr ein Bild der Gegenwart: »Die 68er sind heute selbst Väter-Generation. Alle satt, viele arriviert, manche angekommen an den Spitzen der Institutionen.« Einer von ihnen, Maoist, Makler und Verleger, wird zum Abschluss zitiert (also jemand, der zumindest in zwei der drei Charakterisierungen mit Unmenschlichkeit kokettiert): »Die Revolution wird über Einsicht erfolgen, friedlich wie die deutsche Wiedervereinigung. Irgendwann werden die Menschen … in den Ruf einstimmen: ›Wird sind das Volk‹, aber vielleicht tun sie es per Internet. Und vielleicht werden sie dann die Deutsche Bank per Maus-Klick enteignen.« – Dann kommt im ›Stern‹ eine als Bericht getarnte Anzeige über die Qualitätsproduktion bei McDonald’s, dann eine Seite Pro/Contra mit Olaf Scholz und Guido Westwelle: »Müssen Politiker wirklich so viel verdienen?« (Nach 1989, nein: seit 1933 kann in Deutschland Revolution nicht anders als nationale Bewegung gedacht werden, also konterrevolutionär, und die Utopie der befreiten Gesellschaft wird zum bloßen Zerrbild realexistierender Volksgemeinschaft.)

Die historische Wahrheit, die im ›Stern‹ ausgesprochen und damit zugleich zurückgenommen wird, ist die Lüge, mit der man die Titelgeschichte als Weltgeschichte der Leserschaft schmackhaft machen will; die Antwort auf die Frage, wie die 68er die Welt veränderten, ist zynisch und hämisch: gar nicht. Nur so kann ein Bogen geschlagen werden, von dem man in diesem Jahr noch zu genüge erfahren wird, der von der APO über die Grünen und Linkspartei bis zur antikommunistischen Volksgemeinschaftslinken reicht: indem all dies immer schon die Normalität bezeichnet, die zu kritisieren bloß heißt, eine andere Meinung zu haben, deren Standpunkt nie das System überschreiten darf.

Solche Überschreitung war allerdings der Impuls einer Neuen Linken; und dieser Impuls formt ebenso die Physiognomie von 1968 wie auch die Geschichte radikaler Praxis. Aus diesem Impuls ist, wenn überhaupt, ein Begriff des Politischen zu konstruieren: materialistisch aus der Dialektik des Scheiterns der Neuen Linken, die von bisher nicht wirklich aufgeklärten Paradoxien bestimmt ist. Die Neue Linke ist nicht isoliert zu diskutieren, sowenig wie einfach ›im Kontext‹ ihrer Zeit, den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern etc. Vielmehr geht es darum, ihren Charakter aus den geschichtlichen Bedingungen selbst freizulegen, als Widerspruch. Dazu gehören eine fällige Beschäftigung mit dem Maoismus, auch mit dem Trotzkismus und die Fortsetzung der gerade beginnenden Auseinandersetzung mit dem Stalinismus (wie erklärt sich zum Beispiel der mit Mao begründete Antistalinismus der Neuen Linken?). Dazu gehört eine rücksichtslose Kritik der Mythen insbesondere der deutschen Neuen Linken, sie hätte 68 für eine hinreichende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sensibilisiert. Dazu gehört eine erneute Debatte über den Komplex Autorität und Konformismus, sowohl in Hinblick auf Pädagogik und Psychologie, als auch in Hinblick auf die Politik. Das betrifft auch die Frage der Organisation, nämlich warum es nicht möglich war, eine außerparlamentarische Opposition auf Dauer zu festigen. Das betrifft überdies und ganz entscheidend die konkrete Utopie, die die Neue Linke zwar hatte, aber nie zu realisieren unternahm – trotz der großen Parolen, die heute von der Kulturindustrie affirmativ wiederholt werden (»Seid realistisch, fordert das Unmögliche!« etc.).

Der ›Stern‹ hat es vorgemacht: Es ist absehbar, dass die Bilder von 68, die man in diesem Jahr als Geschichte geboten bekommt, bloß aus dem Archiv der zeitloser bürgerlicher Moden genommen sind: die Revolution wird zur Erzählung der Popkultur, die vor allem eines nie war: revolutionär.

* * *

[Hinweis: Ab hier handelt es sich um einen leicht veränderten Text, der 1988 bereits in der ›Jazzthetik‹ (Heft 11 / 98) erschien.]

Um es gleich vorweg zu sagen: diese Zusammenstellung von Berichten, Flugschriften und Pamphleten, die Lutz Schulenburg besorgt hat, ist ein einzigartiges Zeugnis der 68-Bewegung. Die auf fast 500 Seiten versammelten Originaldokumente sind ein gutes Gegengift gegen die bisherige Verabschiedung der rebellischen Sechziger; man hält nichts weniger in der Hand als einen dicken, grünen Ziegelstein voller theoretischer Pflastersteine, brauchbar für die Praxis zur Veränderung der Welt. Nicht weniger.

Dem Unterfangen, eine Dokumentensammlung der 68-Bewegung in diesem Umfang vorzulegen, hängt zunächst der Argwohn an, einen Mythos der Rebellion schaffen zu wollen. Mitnichten, wie Schulenburg einleitend schreibt: »Es lag nicht in meiner Absicht, eine besondere These zu illustrieren oder einen Beitrag zum 30. Dienstjubiläum der 68er-Bewegung vorzulegen. Das eine hieße, Erwartungen zu nähren, die nicht eingelöst werden, das andere setzt sich dem Verdacht aus, ein weiteres Epitaph für die Beerdigungsfeier zu liefern. Es finden sich in dieser Sammlung auch keine besonders originellen oder neuartigen Erkenntnisse. Die einzige Botschaft, auf die es mir ankommt, heißt: Rebellion ist berechtigt!« (S. 5) Mithin: Ein Buch über die 68er, welches sich – damals – den 98ern anempfiehlt, heute den 2008ern. Vor allem ist es aber ein Buch gegen jene, die im Namen der Demystifikation, des Klartextes und im Namen ihrer eigenen Biographie den Mythos 68 überhaupt erst inszeniert haben – der Stellenwert dieser Textsammlung wäre erst vollständig im Spiegel der bisherigen Darstellungen der 68er Bewegung zu ermessen. Für diejenigen, die durch die Ungnade der späten Geburt die Zeit der Sechziger nur durch den postmodernen ›anything-goes‹-Nihilismus der Achtziger und den dekonstruktiven ›rien-ne-va-plus‹-Pluralismus der Neunziger serviert bekommen, ist dieses Buch allemal nötige Aufklärungsarbeit. »Entgegen den konfektionellen Lügen und einigen akademischen Sterndeutern bleibt ’68‘ weiterhin die fröhliche Provokation und der große weltumspannende Aufbruch, der die Rückkehr der sozialen Utopie anzeigt. Der Fixpunkt ›68‹ kennzeichnet ein Jahrzehnt der Umwälzung und kritischen Bewusstwerdung.« (S. 5 f.) Daran können nun auch diejenigen nichts mehr ändern, die eben genau diesen Schritt der kritischen Bewusstwerdung nicht mitgemacht haben, aber trotzdem in freimütiger Dummheit glauben, das Radikalste an den 68ern sei es, sich dreißig Jahre später als 68er zu outen, sei es, um damit so etwas wie die Unmöglichkeit oder das Ungerechtfertigte von Rebellion zu belegen, oder sei es gar, um reumütig den Antiautoritären von 68 – und damit sich selbst – die Mitschuld an den Pogromen der Neunziger zu geben.

An solche Formen biographischer Selbststilisierungen ist diese Dokumentensammlung die endgültige Absage. Die Sammlung operiert gewissermaßen als Prozessakten einer Revolte, die keiner machen wollte, bei der aber alle mitgemacht haben wollen. Die zusammengetragenen Texte verdeutlichen zunächst, dass schon die argumentative Kraft aller ›Ich-war-dabei‹-Bezeugungen gegen Null tendiert. Die 68er waren keine Sportveranstaltung, die man versäumt haben könnte und auch kein soziales Verbrechen, kein Jugendstreich, zu dem sich schuldig bekannt werden müsste, sondern eine Zeitverdichtung politischer und sozialer Brisanz, zu der sich erst einmal diejenigen zu verhalten hätten, die eben nicht dabei waren. Denn: Nicht-dabeigewesen-zu-Sein geht ja kaum, wo Vietnamkrieg, Straßenkampf, Notstandsgesetz, Berufsverbote, wilde Streiks, Kulturrevolution, kritische Theorie, Situationisten und Rocksubversion auf der Tagesordnung standen. – Bislang kennen diejenigen, die 68 noch nicht dabei waren, die außerparlamentarische Opposition der sechziger Jahre vorwiegend von denjenigen, die 68 gerne dabei gewesen wären und erst mit einer gewissen Publikationswut und Selbstbiografisierungsdrang das Jahrzehnt der Sechziger medial inszenieren. An keinem Jahrzehnt der bürgerlichen Epoche wollten wohl so viele teilnehmen und teilgenommen haben wie am Jahrzehnt der Sechziger. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass in der Literatur über die 68er-Bewegung Erfahrungsberichte, die Anekdote und das persönlich Erzählte überwiegen – in den dreißig Jahren medialer 68er-Rezeption sind Dokumentensammlungen rar, die jetzt publizierte der Edition Nautilus gar einzig. (Hier setzte ich 1998 in Klammern hinzu: »Selbst ich, als Neu-67er, fühle fast die Bedrängnis, legitimieren zu müssen, wo ich eigentlich 1968 war.« Tatsächlich ist es interessant zu sehen, wie 1988 die Alt-68er ihr ›68‹ zu verteidigen begannen, während 1998 eigentlich niemand für ›68‹ zuständig sein wollte, und nun, 2008, es die Neu-68 sind, die nämlich im und um das Jahr 1968 Geborenen, die sich für die Historisierung der damaligen Ereignisse zuständig meinen. Kurzum: die Alt-68er werden von den Neu-68ern abgelöst.)

Sowenig wie Schulenburg durch die Textsammlung, an der im übrigen sehr viele Freunde und Genossen beteiligt waren, aus der 68er-Bewegung einen Mythos der Rebellion konstruieren möchte, sowenig ist ihm daran gelegen, an die bestehenden Mythen über 68 anzuschließen. Dazu gehört zum Beispiel, die Vielfalt und auch innere Kontroverse in den unterschiedlichsten Positionen der 68er zu dokumentieren. Provos, Brandstifter, Anarchisten, SDS, umherschweifende Haschrebellen, Streikende und Kommunarden erhalten ebenso das Wort wie Studierende, Fabrikarbeiter, Menschenrechtler und Situationisten. Ernesto Che Guevara und Jimi Hendrix: das sind die Pole der Revolte. Angela Davis ihr Zentrum. Es geht um Amsterdam, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Berkeley – der Pariser Mai 68 hat ein eigenes Kapitel. Zwischen den einzelnen Dokumenten – Flugblätter und Kampfschriften – gibt es »kleine Erzählungen zur großen Geschichte«; Elisabeth Lenk schreibt aus Paris einen Brief an Theodor W. Adorno »… Der Brief ist liegengeblieben, und die Ereignisse überschlagen sich. Tatsächlich haben die Arbeiter, ohne irgendwelche Weisungen der Gewerkschaften abzuwarten, zunächst bei Renault, aber inzwischen fast überall in Frankreich die Fabriken besetzt … Die Situationisten sind ins Théatre de France am Odeon eingedrungen. Dort flattern jetzt eine schwarze und eine rote Fahne … Ach, wenn doch die ›attraction‹ endlich auch einmal den Seelenhaushalt der ordnungsliebenden Deutschen durcheinanderbrächte!« (S. 212 f.) Das geschah schließlich auch, nicht nur in Deutschland – und wenn auch nur für eine kurze Zeit, so doch mit einer geschichtlichen Gewalt, die auch unsere Jahrzehnt noch überdauern wird: die Epoche, die in Sechzigern ansetzt, ist noch nicht abgeschlossen. In diesem Sinne eine revolutionäre Perspektive aufzuzeigen, ist schließlich Intention der Dokumentensammlung – dafür möchte das Buch einen »Werkzeugkasten« bieten, so Herausgeber Schulenburg. Ansonsten ist es der Leserschaft überlassen, die Texte für solche Zwecke nutzbar zu machen. Einzig der Anmerkungsteil behält sich Kommentare zu den Dokumenten vor, sofern dies ihrem Verständnis dient.

[FSK Radiobücherkiste, 18. Januar 2008, 10.00 bis 12.00 Uhr, Sprechzeit: 16:57 Minuten]

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Lutz Schulenburg (Hg.), ›Das Leben ändern, die Welt verändern! 1968 · Dokumente und Berichte‹, Edition Nautilus: Hamburg 1998, 480 Seiten brosch.