Zigarettenfabrik

Zigarettenfabrik

Irgendwann Anfang der neunziger Jahre, zwischen Blumfelds »Ich-Maschine« und »L’Etat et moi«, wurde der Begriff der Hamburger Schule geprägt, jener pop-politischer Arbeitszusammenhang, der journalistisch gerne auf eine musikalische post-punk Attitüde verkürzt wurde, obwohl er gemeint war als kulturelle Reflexion auf eine soziale Situation der großdeutschen Wendezeit, deren Hauptstadt Rostock-Lichtenhagen heißt. »Etwas besseres als die Nation« war die Parole des an die französische Revolution angelehnten Wohlfahrtsausschusses, der in antifaschistischer Absicht diskutierend und konzertierend durch neue Bundesländer tourte. Blumfeld ließ damals einen großen Chor einer Notlösung zwischen Pop- und Restlinke singen: »Und davon handeln wir«.
Seither sind fast fünf Jahre vergangen und Blumfeld legt mit »Old Nobody« ein Konzeptalbum vor, das einige Veränderungen dokumentiert – oder vielleicht nur anzeigt, sich in dem bisherigen Konzept von Pop & Politik aka Hamburger Schule getäuscht zu haben.
Man wollte Teil einer Jugendbewegung sein und gerade die Band um Jochen Distelmeyer gab mit musikalischen Anleihen bei Sonic Youth diesem Wunsch nach kultureller Identität eine Stimme.
Die Philosophie diagnostizierte das Verschwinden des Autorsubjekts, und grade eine Band wie Blumfeld, damals ein Trio aus Jochen Distelmeyer (Gesang, Gitarre), Eike Bohlken (Bass) und Andre Rattay (Schlagzeug), war soetwas wie der ernst zu nehmende letzte Aufschrei sterbernder Unmittelbarkeit und Befindlichkeit. Wie sehr dies von Blumfeld reflektiert wurde – und sei’s letzthin vielleicht bewußtlos –, brachte schon die Albumgestaltung von »L’Etat et moi« zum Ausdruck: Einmontierte Paßbilder von Bekannten und Mitstreiterinnen in ein Elvis Presley-Cover, auf dem einst der King (also der Autor der Popkulturindustrie schlechthin) sich im Goldanzug vervielfältigte.
Auch bei »Old Nobody« ist die Covergestaltung Bestandteil des Gesamtkonzeptes: wie auf einem Familienfoto, was auch Wahlplakat sein könnte, zeigt sich Blumfeld das erste Mal als Band, jetzt in derart neuer Besetzung, daß eigentlich von einer neuen Band gesprochen werden müßte, was die Musik auch zu bestätigen scheint: Statt Eike Bohlken spielt Peter Thiessen Bass und auch Gitarre; vor allem wird die Musik aber dominiert durch sanftmütige Synthiestreicher, dezente Vibraphonklänge und Popphrasen, die Michael Mühlhaus an den Keyboards beisteuert – die herausragende Können der Musiker dürfte nicht zuletzt dafür mitverantwortlich sein, daß die Band in dieser Formation, die es so erst seit einem halben Jahr so gibt, »Old Nobody« in knapp zwei Monaten arrangierte und produzierte, in ebenfalls herausragender Studioqualität. Reden wir vom Angenehmen dieser Musik, im Wissen darum, daß sich über Geschmack streiten läßt (wenn auch nicht disputieren), bleibt der erste Höreindruck entscheidend, wonach hin- und mitreißende Songs geboten werden. Fraglich ist allerdings, inwieweit hier bewußt wieder eingeholt wird, was eigentlich als obsolet galt, nämlich eben die Autorschaft Distelmeyers; im Widerspruch bewegt sich die Frage nach der Intention, die Distelmeyer gerne persönlich an sich richten läßt, um auf die Intentionslosigkeit der Musik zu verweisen.