Ein Rezensionsbeitrag von 1999*

Die Ordnung der Dinge

Wir leben wohl in einer Welt, die uns auf merkwürdige Weise kaum überrascht, die uns überraschend unmerkwürdig begegnet: zweifellos haben die technologischen Fortschritte, die in den letzten zwei Jahrzehnten in unsere alltägliche Umwelt Einzug gehalten haben, zu Änderungen von Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen geführt. Doch hat Automatisierung und Technifizierung offenbar weit weniger Verständnis vom Menschen abverlangt, als Zivilisationskritiker zunächst dachten; vielmehr bricht die Technik herein, als sei ihren Platz im Alltagsleben schon längst reserviert gewesen. Das mag auch deshalb sein, weil eben das gegenwärtige Verhältnis zu den Dingen weit vor der Verwirklichung der letzten technologischen Entwicklungsschritten technisch-instrumentell vorbereitet war: Verdinglichung hieß das einmal. Und ein Computer übernimmt größtenteils nicht mehr rechnerische Arbeit, als die verwaltete Welt ansonsten mühsam per Hand und Kopf kalkulieren müßte. Dazwischen haben sich die menschlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen weniger aufgrund des Einzugs der Technologie verändert, sondern eher, weil jene Technologie eine Schicht der Objekte überdeckte und verdrängte, die jetzt nicht mehr verfügbar ist: verschwunden sind mithin die Anekdoten des Alltags, die sich im Schatten der beiläufigen Dinge sammeln. Was ist aber aus diesen Dingen geworden, die »nicht so umgänglich mit der Gebrauchswelt kommunizieren«? Es gehört seitdem zu den großen Herausforderungen kritischer Theorie, diesen kleinen Dingen auf die Spur zu kommen, sie wieder zu entdecken. Solche Spurensuche zeigt sogar ein Verbindendes zwischen den Schulen, von den radikalen Vertretern der Moderne bis zu den Dekonstruktiven der Postmoderne; es lassen sich Linien finden, die von Georg Simmel und Ernst Cassirer in Blochs ›Geist der Utopie‹ hineinreichen, aber auch in den Existentialismus, zu Sartre und Beauvoir; schließlich interessierte sich auch der Strukturalismus für solche Randständigkeiten der Dingwelt, selbst noch der Poststrukturalismus. Im Zentrum stehen allerdings jene Künste, denen es um die Rettung des Überraschenden zu tun ist, angefangen beim Expressionismus, besonders und fortgesetzt dann in den surrealistischen und situationistischen Richtungen. Dem geht die Gewißheit voraus, daß das Abseitige keinen Platz mehr findet in den ästhetischen Vorstellungen des geschlossenen Werkes; dem Kunstbetrieb an sich steht es fremd und feindlich gegenüber. Auch die überkommene Figur des Künstlers, samt dem Ideal des autonom Schaffenden kapituliert vor den Ruinen der Dingwelt. Schon die Surrealisten, dann die Situationisten haben dem das Kollektiv entgegengesetzt: ein Kollektiv der Objekte. Das dann so: »In meinem Zimmer, Nr. 13, 4. Stock, ›Hotel Carcassonne‹, 24 Rue Mouffetard, Paris 5, steht rechts neben der Tür zwischen Gaskocher und Ausguß ein Tisch, den Vera einmal blau angestrichen hat, um mich zu überraschen. Hier in diesem Buch will ich versuchen festzuhalten, was die Gegenstände mir sagen, die ich heute, 17. Oktober 1961, um 15 Uhr 45, auf der einen Hälfte des Tisches finde, und die allerlei Erinnerungen und Assoziationen hervorrufen.« Aus diesem Projekt Daniel Spoerris wurde ein Buch, an dem zahlreiche Künstler sich beteiligten, indem sie es ergänzten, übersetzten, kommentierten: Robert Filliou, Emmett Williams, Dieter Roth, Roland Topor. Gesammelt wurden so ›Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls‹. Nun liegt die, wie sie abgekürzt heißt, ›Topo‹ in einer erweiterten Neuausgabe in deutscher Sprache vor, selbstverständlich bei der Edition Nautilus erschienen. Der Herausgeber Andreas Schäfler schreibt in seiner Bedienungsanleitung: »In seinem Vorwort zur 53-seitigen Originalausgabe von 1962 schlägt Daniel Spoerri, ausgehend von der zufälligen Anordnung der Gegenstände auf seinem Arbeitstisch, ein Spiel mit diesem Buch vor. Der stattliche Band, zu dem sich die ›Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls‹ im Laufe der Jahre ausgewachsen haben, eignet sich um so besser dazu. Das Spiel unterliegt – getreu dem Buchtitel – noch immer keinen Regeln …« Zum Beispiel: »Modellauto, Mikrominiatur (D.R. 1) Norev eines Renault 4 CV, in durchsichtiger Schachtel, gekauft – nebst einem Liter Brennspiritus für meinen Kocher (7a + 17) – in der Drogerie gegenüber dem Hotel Beau Séjour (26).« Und Dieter Roth dazu: »D.R. 1 / Aha! Das Minimale! Daß der Tisch dort, wo er die Miniatur trägt, weniger Tisch ist (und dort, wo er die Mikrominiatur trägt, sehr viel weniger Tisch ist) als dort, wo er die Miniatur nicht trägt. – Am Rande z.B., da ist der Tisch tischiger als unter der Autominiatur, weil er unter der Miniatur eher eine Straße ist: Mutter Erde in Gestalt einer Straße. Das macht den Tisch zur Straße!« Und ebenso beobachteten die Surrealisten das städtische Geschehen, wie Spoerri auf seinem Tisch die Dinge. Das Verfahren mag spielerisch sein; das Resultat allerdings zeigt sich insgesamt als Forschungsergebnis strengster Wissenschaftlichkeit: das Buch ist mit Zeichnungen und einem Apparat versehen, präsentiert sich mit enzyklopädischen Anleihen und weiß offenbar um die große Referenz, von der sich auch die Kunstgeschichte von Aby Warburg bis Carlo Ginzburg inspirieren ließ: »Sherlock Holmes mag ähnlich vorgegangen sein, wenn er anhand eines einzigen Gegenstandes die Umstände eines Verbrechens aufzudecken versuchte.« Und es gibt den ästhetischen Vorgriff auf die philosophische Methode Michel Foucaults, wenn Spoerri von der Nähe dieser Arbeit zu jener der »Archäologen« spricht, »die noch nach Jahrhunderten in Pompeji – dem berühmtesten Fallenobjekt der Geschichte – eine ganze Epoche rekonstruieren konnten.« (Fallenojekte, auch Fallenbilder, sind – von ›Falle‹, nicht von ›fallen‹ abgeleitet – die Gegenstandscollagen, mit denen Spoerri bekannt wurde.) Die ›Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls‹ sind so etwas wie ein Adreßbuch der Peripherie. Hier finden wir die Aufmerksamkeit für solche Dinge, die aus der überraschungslosen Welt scheinbar verschwunden sind. Es ist, als ob das Tuch des Himmels vor einem ausgebreitet werde und die platonischen Ideen plötzlich in ihrer nackten Gewöhnlichkeit vor einem liegen – und genau das macht sie ja ungewöhnlich-schön. Der Wasserrand auf dem Tisch, den ein Weinglas hinterließ, kann so zum realen Vorbild des idealen Kreises werden, das Trinkgefäß selbst zum durchscheinenden Kristall, in dem sich alles Licht der Welt bricht. Was hier aufleuchtet bleiben allerdings die Ideen des bürgerlichen Haushalts, nicht Unordnung, sondern eben Ordnung des Zufalls, auch Schicksal; glücklicherweise fehlt der ›Topographie‹ der Begriffsklotz »Dasein« ebenso wie der flüchtige Schein der Verdinglichung. Ihr fehlt jedoch auch Notwendigkeit und ihr Konstruktionsprinzip der Rettung bleibt selbst dem Zufall überantwortet sowie dem Bild einer Vergangenheit, in der man sich noch dem Zufall überlassen konnte. Gegen die technologisierte Dingwelt bleibt diese Kunst machtlos. In den Zeiten der Instrumentalisierung, die alle Dinge bedingungslos ihren Zwecken unterwirft, wäre die ›Topographie des Zufalls‹ mithin noch in eine Geschichte zur Utopographie der Notwendigkeit zu übersetzen – es gibt ein Recht, sich vom Tisch der anderen zu bedienen.

In einer Auflage von 300 Exemplaren ist von dem Buch eine Luxusausgabe mit einem stoffgedruckten Fallenbild, nämlich einer Tischdecke, erschienen.

Daniel Spoerri, Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls, Nautilus: Hamburg 1998, 222 S. geb.

*) Der Text erschien 1999 in der Zeitschrift ›Jazzthetik‹.

(33)