Hallenbaduniversität
Oktober 2015

Kulturindustrie:
Schöne neue Welt (Teil 1)

Oktober, der Herbst beginnt, draußen regnet es: die Freibaduniversität zieht ins Hallenbad.

Anfang des Jahres war das Thema ›1965‹ – ein Rückblick: vor fünfzig Jahren. Das soll wieder aufgegriffen werden (siehe Teil II, November 2015).

Themenstichwort ist – mal wieder – »Kulturindustrie«.

1.

›Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug‹ – das ist die Überschrift eines Abschnitts in der ›Dialektik der Aufklärung‹ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, geschrieben Anfang der 1940er Jahre im U.S.-amerikanischen Exil.

Horkheimer war seit 1930 Direktor des Instituts für Sozialforschung; das Institut wird von den Nazis im März 1933 geschlossen.

Gegründet wurde das Institut für Sozialforschung 1924 (von Carl Grünberg).

Die zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre sind entscheidend für die kritische Theorie der Kulturindustrie.

Nach dem Ersten Weltkrieg, nach der Oktoberrevolution und nach der Novemberrevolution gab es (in der Weimarer Republik) eine relativ starke Arbeiterbewegung.

Georg Lukács: ›Geschichte und Klassenbewusstsein‹ (1923).

Klassenbewusstsein zielt auf die Stellung im Produktionsprozess: es geht um Arbeit. Klassenbewusstsein an sich abstrakt, muss vermittelt werden: Die objektive Stellung im Produktionsprozess muss subjektiv, das heißt lebensweltlich rückgekoppelt werden. Klassenlage und individuelle Lebenslage sind meistens disparat differenziert (die subjektive Stellung im Produktionsprozess muss nicht unbedingt mit der objektiven Stellung übereinstimmen: der Prolet kann ganz aus dem Produktionsprozess herausfallen; der Bürger ist keineswegs immer Produktionsmittelbesitzer, wohlhabend etc.).

Was die subjektive Stellung und die objektive Stellung im Produktionsprozess vermittelt, das ist Kultur.

Hegel spricht von Sittlichkeit. Marcuse schlägt (in ›Vernunft und Revolution‹) vor, »Sittlichkeit« mit »Kultur« zu übersetzen. (Hinweis: Hegel – wie im Übrigen auch Marx – spricht von »Kultur« nur im historischen Sinne: die alte Kultur der Ägypter etc.) T.S. Eliot & Raymond Williams definieren: »Culture as a whole way of life.« Insofern lässt sich sagen:

Kultur ist Sittlichkeit als ganze Lebensweise.

Nicht nur in Bezug auf Klassenbewusstsein ist wichtig, wie eine »ganze« (i. e. kohärente, konsistente) Lebensweise erkannt wird (bzw. überhaupt erkannt werden kann): Inwiefern sind Individualbewusstsein und Kollektivbewusstsein kompatibel? (»A whole way of life« – das braucht auch eine Idee, dass die Gesamtheit der Handlungen eben als eine Lebensweise verstanden werden kann …)

Das Klassenbewusstsein ist nur ein kleiner Ausschnitt des Bewusstseins. Gerade deshalb braucht auch das Klassenbewusstsein Bilder, braucht Images, also eine imaginäre Alltagspraxis, um sich »in der Klasse« wiederzufinden.

Die Bilder, die etwa vom heroischen Arbeiter geschaffen werden, sind immer auch kulturelle Bilder (und keineswegs allein politisch). Zum Beispiel: Der ideelle Gesamtarbeiter thront über der Fabrik wie Hobbes Leviathan über der Stadt …

Für solche kulturellen Bilder (der Selbstvergewisserung, Verständigung etc.) konnte das Proletariat nicht einfach auf die Ideale der bürgerlichen Kultur zurückgreifen, denn diese Ideale waren desavouiert, diskreditiert (spätestens nach dem Ersten Weltkrieg).

2.

Gerade für das Proletariat bedeutet Kultur vor allem: eine politische Matrix. (Für die eigene Lebensweise ist »das Politische« der Kultur, also ihre politische Funktion, wichtiger als die kulturellen Werte »an sich«, als Wissen, als Bildung etc.)

Walter Benjamin spricht am Ende seines Essays ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ (1936) von der »Ästhetisierung der Politik«. – Diese Ästhetisierung der Politik kann als Kulturalisierung der Lebensverhältnissegefasst werden.

Auf die Ästhetisierung der Politik antwortet, so Benjamin, »der Kommunismus mit der Politisierung der Kunst«. Damit ist der begriffliche Rahmen abgesteckt, in dem sich nunmehr ein Kampf um die Kultur entfacht (hat, in den zwanziger, schließlich dreißiger Jahren):

Politik, Ästhetik, Kultur & Kunst …

[Kunst ist – dem klassisch-bürgerlichen Verständnis nach) die Domäne der Kultur. (NB: In der Sendung sagte ich – fälschlich – umgekehrt: die Kultur ist die Domäne der Kunst; gleichwohl ist zu fragen, ob diese Verkehrung nicht auch insofern »richtig« ist, als dass sie ein Moment der Ideologie ist: weil der Kunstdiskurs solider, hermetischer, hegemonialer und exklusiver ist, d. h. über einen bereits bestehenden Diskurs der Kunst – Kunstkritik, Feuilleton, Ästhetik – kann das dazu relativ unsichere Begriffsfeld »Kultur« in den Bereich der Deutungshoheit des elitären Bewusstseins zurückgeholt …)]

Was als »Kultur« bezeichnet wird, deckt zunehmend verschiedene gesellschaftliche Handlungsfelder ab. Freilich war Kultur immer schon mehr als nur das Museum mit den Ölgemälden, wurde aber trotzdem begrifflich darauf reduziert – auf die ideellen Werte, die materiell in Form von »Werken«: Gebäude, bemalte Leinwand mit Rahmen, Buch etc. demonstriert werden konnten. Nun verschwimmt aber die definierte Bedeutung von »Kultur«, weil alles Mögliche in ihren begrifflichen Bereich hineingezogen wird. Kultur als Komplex (›Der kulturelle Komplex‹): Neben Museum, Bildern, Büchern etc. ist »Kultur« jetzt auch überhaupt die Unternehmung, heute ins Museum zu gehen – sich Zeit für Kultur zu nehmen, sich kulturell bilden zu wollen (auch wenn man ansonsten mit dieser gebotenen »Kultur« gar nichts zu tun hat, sie unter Umständen auch nicht versteht [warum auch immer: wahrscheinlich, weil man irgendwann gelernt hat, a) dass man Kultur nicht einfach verstehen kann, b) dass man Kultur aber irgendwie doch verstehen muss …]), die Entscheidung, für den Museumsbesuch bestimmte Kleidung anzuziehen (oder eben nicht: weil das, was dort an Kunst geboten wird, nicht mehr auratisch durch eine Kleiderordnung bestätigt werden muss – ich gehe auch nicht mehr unbedingt mit Abendgarderobe ins Theater oder in die Oper …); überhaupt die Organisation des – zum Beispiel sonntäglichen – Kulturprogramms: gehen wir ins Museum oder in den Zoo oder besuchen wir das Möbelhaus, um uns für die Wohnzimmereinrichtung inspirieren zu lassen, oder bleiben wir zuhause und lesen (›Zauberberg‹, ›Gala‹ & ›Bunte‹, ›Lustige Taschenbücher‹ … ›Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?‹

Kultur ist auch das ästhetische Bewusstsein: Der Weg ins Museum, die Erwartung, das, was ich dort sehe und wie ich es sehe, das Vermögen, das Gesehene in Bedeutung zu übersetzen (überhaupt zu »wissen«, was hier Kunst ist, was nicht; ggf. freilich auch: was gute Kunst ist, was schlechte Kunst ist – bzw. was allgemein als gute: mindestens im Sinne von »wichtige« Kunst gilt, obwohl ich es gar nicht selber »gut« finde und auch gar nicht weiß, warum irgendwelche Artefakte als »wichtig« anerkannt sind, nur weil sie als Artefakte existieren …) – Ästhetik, Geschmack, Bildung.

Auch gehört zum erweiterten Kulturbegriff: Dass Menschen Kultur haben, auch wenn sie keine Kultur haben (also gerade unter der Voraussetzung, »kulturviert« zu sein, abgesprochen wird, »kultiviert« zu sein, i. e. kein Benehmen, keine Manieren etc. zu haben).

* * *

Diese Erweiterung der Kultur (bzw. des Kulturbegriffs / allgemeinen Kulturverständnisses) umschließt nun zwei miteinander vermittelte Bereiche: das Politische und den Konsum; Politik und Ökonomie, oder, wenn man so will, die Politische Ökonomie.

Politik

Kultur wird »politisch«: sie ist nicht mehr nur bürgerlich, humanistisch, emanzipatorisch, gut oder schlecht, progressiv, vielleicht auch reaktionär, sondern sie ist jetzt links oder rechts, auch sozialistisch, kommunistisch, faschistisch …

Es gilt nicht mehr unbedingt die Idee (die zum affirmativen Charakter der Kultur gehörte): je mehr Kultur, desto mehr Aufklärung etc.

Sondern: Kultur kann nun in einem politischen Sinne »Schein« sein, »falsch« sein. Man kann auch mit Beethovens Neunter Sinfonie Menschen umzubringen; und eben dies erscheint nicht mehr als Wiederspruch der Kultur, quasi ihre kritische Funktion an der und innerhalb der Gesellschaft, sondern – im Gegenteil – ihre positive Ideologie.

(Benjamins Beispiel ist der Faschismus und italienische Futurismus, Marinetti et al.)

Für den Kommunismus wird nun zur entscheidenden Frage: Was ist die Garantie für eine nichtfaschistische Kultur?

Benjamin kündigt im »Vorwort« zu seinem Essay ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ an, Begriffe »neu in die Kunsttheorie« einzuführen, die »für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar sind«.

Zwar löst Benjamin seine Ankündigung überhaupt nicht ein (weder führt er neue Begriffe ein, noch haben sich die Begriffe, die er einführt, für den Faschismus als unbrauchbar erwiesen), entscheidend ist allerdings allein die politische Emphase, mit der Benjamin hier gleichsam eine antifaschistische Kunsttheorie einfordert.

Neu ist nun für die Linke: die Kultur zu schützen, sie gegen den Faschismus in Europa zu verteidigen. (Das ist das Thema der Schriftstellerkongresse, der Manifeste, der Kunstpolitik zur Unterstützung der Spanischen Revolution …).

Die Idee bürgerlicher Kultur wird radikalisiert: Kultur bewahrt die Ideale der Emanzipation – oder hebt sie auf (was die bürgerliche Kultur eben nicht mehr leisten kann, oder noch nie leisten konnte).

Für den politischen Kampf wird nun virulent: dass es eine herrschende Kultur und eine Kultur der Unterdrückten gibt, bürgerliche Kultur und proletarische Kultur (vgl. Lenins so genannte Zwei-Kulturen-Theorie …).

(Das Bürgertum verteidigt im Kampf um die kulturelle Hegemonie eine Hochkultur gegen die Massenkultur und ist strukturell konservativ. Vgl. auch die Debatten über »ernste Musik« und »Unterhaltungsmusik«, »E« und »U« …)

Avantgarde / Volksfront / Erbschaft: Die revolutionären Kräfte operieren mit der Kultur gegen die Kultur. Diese politische Dynamik wird später relevant für die Konzepte von Gegen- und Subkulturen …

Konterkariert wird dieser politische Kampf um die Kultur / mit der Kultur (gegen den Faschismus) allerdings durch die sich konsolidierende Konsumgesellschaft.

 

Konsum

In den zwanziger Jahren konsolidiert sich – vor allem in den nordamerikanischen Großstädten, aber auch in Paris, London, Wien, Berlin die Konsumgesellschaft.

(Sie bedeutet die Entwicklung einer ubiquitären Angestelltenkultur; vgl. Siegfried Kracauer, ›Die Angestellten‹).

Ökonomische Grundlage ist die Ausweitung der Konsumgüterproduktion; Voraussetzung dafür ist nicht nur die fordistische Fabrik, sondern überhaupt die fordistische Organisation der gesellschaftlichen Produktion (Ausweitung der Fabrikgesellschaft).

Charakteristisch für die Konsumgüter: sie befriedigen nicht einfach nur Grundbedürfnisse, sondern sind, als waren, bereits Ausdruck verfeinerter Bedürfnisse. Überdies entstehen neue Bedürfnisse beziehungsweise wird über den »kulturellen Markt« Bedarf hergestellt.

Die fordistische Organisation der gesellschaftlichen Produktion, die Ausweitung der Fabrikgesellschaft: das Fließband führt zu einer fortgeschrittenen Arbeitsteilung – nicht nur in der »reinen« industriellen oder handwerklichen Produktion, sondern ebenso bereits im Planungsprozess, gleichsam im Produkt: Konsumgüter sind gestaltete Waren, Waren mit Design. Über das Design wird der Tauschwert mit dem Gebrauchswert verkoppelt: Die Ware erhält den Schein eines »Gebrauchswertversprechens« (W. F. Haug).

Beispiel dafür: Mode (als Gesamtkomplex, von der Konfektionsware über Haute Couture bis zum Elend in den Textilfabriken …).

Wie »Kultur« ist auch »Konsum« ein Komplex (bzw. bilden Kultur und Konsum einen, wenn man so will, politisch-ästhetischen Komplex).

Jedes Produkt macht nicht nur Werbung für sich selbst, sondern immer auch Werbung für die Gesellschaft: die Konsumware kann nur im Konsumkapitalismus produziert und reproduziert werden; die Produkte sind gar nicht anders konsumierbar als in dieser Struktur: Produktion, Kaufen, Verbrauchen, Müll wegschmeißen, neu Produzieren, neu Kaufen etc. Konsumkapitalismus erscheint als hermetische Ökonomie, »krisenfest«. Das ist die wesentliche Ideologie des Konsums: dass es keine Krisen mehr gibt (Krisen sind nur noch persönliches Schicksal).

(Alternativökonomie ist nur in Hinblick darauf »alternativ«: es wird unter Krisenbedingungen produziert – aber völlig in der Logik des Kapitals.)

Diese Ideologie des Konsums ist durch eine ökonomische Loyalität gekennzeichnet (ökonomische Loyalität löst das rein politischen Legitimationsproblem im Spätkapitalismus ab …).

Diese Ideologie verschmilzt mit dem System der Sittlichkeit, wird in die Bedürfnisbefriedigung integriert: Bedürfnisse können unter Bedingungen des Konsumkapitalismus nur innerhalb dieser Struktur, über den Markt befriedigt werden.

Insofern auch: zur Befriedigung der Bedürfnisse gehört nicht nur das »befriedigende Produkt«, sondern sämtliche Handlungen des Konsumvorgangs.

Insofern aber auch: Scheinbefriedigung der Bedürfnisse – denn für die Befriedigung ist es nicht einmal nötig, das eigentliche Bedürfnis zu befriedigen mit dem Produkt … Das gehört nunmehr zum Fetischcharakter der Ware.

Das ist Kulturindustrie.

* * *

Aufklärung als Massenbetrug. Die Bedürfnisbefriedigung über Kulturwaren wird über ästhetische Geschmacksurteile differenziert: Manipulation auf konstitutiver Ebene, »Selbstmanipulation« (also keine übergeordnete Macht, keine Verschwörung oder so); Bedürfnisse werden manipuliert, und zwar nicht so, dass Menschen auf Nepp und dergleichen reinfallen (was sie auch tun), sondern so, dass diese Struktur der Bedürfnisbefriedigung glücklich macht, weil sie an Images von Individualität gekoppelt ist. Deshalb die Rede von Pseudoindividualität im Kulturindustriekapitel der ›Dialektik der Aufklärung‹.

Die Möglichkeiten des Glücks sind eingeschleift in die bestehende Struktur. Kulturindustrie: das System der Bedürfnisse umklammert das Lustprinzip und das Realitätsprinzip; Libido und Realitätsprinzip werden miteinander verkoppelt …

Man hat es jetzt mit einer Kultur zu tun, wo man eben nicht mehr einfach sagen kann, dass die Welt schon besser wird, wenn die Leute nur etwas klüger werden, alle Beethoven oder Schönberg hören; auch ein einfacher Schlager kann subjektiv die einen genauso befriedigen wie subjektiv die anderen der Beethoven. Auch zur politischen Frage wird nun: Auf welcher Ebene kann stichhaltig, »objektiv« gesagt werden, es sei falsch, bei einem Schlager glücklich zu sein?

Was kann eigentlich an der Kulturindustrie, an der Kommerzialisierung und Kommodifizierung der Kultur kritisiert werden?

Die Pseudoindividualität der Kulturindustrie bringt einen neuen Subjekttypus hervor. Skizziert hat das Aldous Huxley in seinem Roman ›Brave New World‹ (1932). – Huxley beschreibt darin eine perfektionierte fordistische Gesellschaft.

Adorno, Horkheimer, Marcuse etc. diskutieren Huxleys Roman Anfang der vierziger Jahre: in Hinblick auf eine kritische Theorie der Bedürfnisse (sie wird zur Grundlage der Kulturindustrietheorie).

Der ideologische Schein der Kulturindustrie: die Kultur, die hier hergestellt wird, ist schon immer die gerettete Welt.

Zum Schluss des Kulturindustrieabschnitts ist von den »vollends durchschaute Kulturwaren« die Rede.

Dass das, was die Kulturindustrie liefert, schlecht ist, zum Teil auch einfach nur menschenverachtend, ist kein Geheimnis, das aufgedeckt werden müsste: Tendenziell wissen alle, was an dieser Kultur zu kritisieren ist. Und trotzdem macht die Kulturindustrie glücklich!

* * *

Die Frage ist nun: An wen richtet sich die Kritik der Kulturindustrie? Wer ist im Zeitalter der Kulturindustrie das Subjekt der Kritik?

* * *

Musik: zum Schluss ein paar Takte des Kinderliedes ›Wind, Wind, fröhlicher Gesell‹ (auf der DDR-Kinderliederplatte: ›Vom Pustewind und anderen Sachen‹, Nova 1975).

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