Alles, was ich bin

»Träume, Wahrheit, Illusionen –
dafür sind wir Musikanten hier!
Wir zielen mit Liedern auf Kanonen
und hilft es auch nicht viel,
vielleicht hilft’s dir!«
– Udo Jürgens, ›Wir singen für dich‹
(Text: Wolfgang Hofer, 1979)

Hamburg – das ist die neben London wichtigste europäische Musikmetropole, jedenfalls sagte man das so, 1978, als hier am 20. November im Congress Centrum Hamburg zum ersten Mal Liza Minelli und Sammy Davis jr. gemeinsam auf der Bühne standen. Das ›Hamburger Abendblatt‹ schrieb damals in seinem Stadtjahrbuch über die Hansestadt: »Fast alle Schallplattengesellschaften sind hier vertreten, große Musikverlage residieren an der Alster, und auf den Konzertpodien geben sich internationale und nationale Stars die Klinke in die Hand.«1)

Dazu ein Foto von Udo Jürgens – als deutscher Schlager-Star gepriesen, obwohl er ja Österreicher ist, geboren in Klagenfurt 1934 als Udo Jürgen Bockelmann. Er steht auf der Bühne, verschwitzt, aber mit ordentlicher Hose und Hemd; der Kragen ist gelockert, das Jackett hat er wohl ausgezogen. In der einen Hand hält er das Mikrofon, mit der anderen scheint er das Publikum zu dirigieren. Einige Fans stehen direkt vor der Bühne, klatschen oder heben vor Begeisterung die Arme in die Luft. Ein junges Mädchen hat sich durchgedrängt, sitzt keinen halben Meter entfernt vor Udo Jürgens auf dem Bühnenrand und reicht ihm eine einzelne Rose. Er sieht sie aber nicht.

Schon damals ist Udo Jürgens weltberühmt, einer der erfolgreichsten Unterhaltungskünstler im deutschsprachigen Raum. Seine Karriere beginnt früh: 1950 gewinnt er beim Komponisten-Wettbewerb des Österreichischen Rundfunks den 1. Preis mit ›Je t’aime‹. 1964, 1965 und 1966 nimmt Udo Jürgens am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil, belegt 1966 mit ›Merci, Chérie‹ den ersten Platz und hat damit seinen internationalen Durchbruch. ›Reach for the Stars‹ macht Shirley Bassey zum Welthit, für Frank Sinatra komponiert Udo Jürgens ›If I never sing another Song‹ (singen wird das Lied allerdings Sammy Davis Jr., als Abschluss seiner Konzerte). 1978 erreicht Udo Jürgens mit dem WM-Song ›Buenos dias, Argentina‹, den er gemeinsam mit der bundesdeutschen Nationalmannschaft aufnimmt, Platin. Sein Erfolgstitel ›Griechischer Wein‹ von 1974 wird später in griechischer Übersetzung sogar eine Art Volkslied, begleitet die deutsche Ideologie der siebziger Jahre ff. als Loblied auf die guten Fremden, die damals noch wohlmeinend-distanziert als »Gastarbeiter« bezeichnet wurden.2)

Ende der siebziger Jahre gehört ›Griechischer Wein‹ wie viele andere Lieder von Udo Jürgens – das zotig-anrüchige ›Siebzehn Jahr, blondes Haar‹, natürlich der Nonsens-Hit ›Aber bitte mit Sahne‹ oder die Hymne der mit Zuversicht auf das Rentenalter blickenden Generation ›Mit 66 Jahren‹ – zum festen Repertoire mittelständisch-sozialdemokratischer Feierkultur der Angestellten, die es sich in den mit Wald- oder Südseetapete und bunten Glühlampen ausstaffierten Partykellern der Reihenhäuser trotz der sich anbahnenden Krise von Sozialstaat und Wohlstandsgesellschaft gemütlich gemacht hatte. Mittlerweile ist das Private auf einem technisch hohen Stand, der Lifestyle mit Farbfernseher, Stereoanlage und Hi-Fi dekoriert; die Rhythmen und Sounds der Freizeit des kultivierten Kleinbürgers sind vor allem von der Disco-Bewegung inspiriert. Längst ist das ›Saturday Night Fever‹ (USA 1977) auch in Deutschland angekommen, hat sich mit Giorgio Moroder, Donna Summer und Silver Convention ein eigenständiger Munich Sound etabliert; die zwei unter dem Namen Baccara auftretenden Sängerinnen sind von 1977 bis 1979 das weltweit erfolgreichste weibliche Gesangsduo – ›Yes Sir, I Can Boogie‹ versprechen sie zum geraden Beat der Tanzmusik: Der Schlager vermischt sich zu dieser Zeit mit Disco ganz selbstverständlich, bietet eine unterhaltsame musikalische Melange, an die Udo Jürgens bravourös mit seinem Album ›Udo ’80‹ anknüpft.3)

Eröffnet wird das am 17. Dezember 1979 veröffentlichte 30. Studio-Album ›Udo ’80‹ mit ›Ich weiß, was ich will‹ – ein Liebeslied mit Text von Fred Jay, das sich zum Tanzrhythmus lustvoll-körperbetont zur leidenschaftlichen Zweisamkeit bekennt. Und die wird, wie fast immer im Schlager, als erotische Beziehung imaginiert, favorisiert mithin einen Lebensentwurf, der nichts mit Ehebund und Alltagstrott zu tun haben will. Geschmeidige Streicher und treibende Bläsersätze verzieren dieses Begehren musikalisch. Der Wunsch nach Glück wird durch das Scheitern gebrochen: der zweite Song ›Auch heute noch‹ handelt von der Sehnsucht einer verlorenen Liebe. Um Liebe geht es dann auch bei ›Sie ist nicht so wie du‹. Tatsächlich dienen die Liebesmotive, gleich ob sie von Erfüllung oder Versagung getragen sind, der Illusion einer emotional gesicherten Ich-Stärke, dem postmodernen Individualismus. Nachgerade die Hymne dazu ist ›Alles, was ich bin‹.4)

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Weiter im Programm: ›Disco-Stress‹ probiert einige elektronische Gimmicks und ist Klamauk, wenngleich auch der erste politische Song auf dem Album: »Was auch passiert in unserer Epoche, / mir egal – bin im Disco-Stress!« Ein bisschen schimmert hier postmoderne Ironie durch, mit der damals gerade der avancierte Schlager kokettierte – als kritischer Kommentar zur eigenen Branche und überhaupt zum Showgeschäft.

Die Position des Schlagers ist, bei aller Massentauglichkeit und kollektivistischer Ideologie, die ihn bestimmt, die Position des Individuums; seine Hochzeit hat er allein deshalb auch in den siebziger und achtziger Jahren, weil hier erstmals Individualismus in Lebensweisen realisierbar war. Der Schlager ist dazu der Soundtrack und eröffnet eine Welt jenseits der Klassengesellschaft. Das Versprechen einer Scheinwelt wird hier ganz offen gegeben: Leidenschaft, Sehnsucht, Zweisamkeit sind Illusionen, die als Tagträume zumal für die weiblichen Fans den gewöhnlichen Alltag, vor allem den Terrorzusammenhang Familie erträglicher gemacht haben; auch die Hausfrau darf sich nun sozialen Aufstiegsphantasien hingeben. Unterstützt durch die markante, fast skandierende Stimme Udo Jürgens’ werden solche Illusionen dann auch immer wieder sachlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: das schwärmende Individuum legitimiert sich durch den sozialen Realismus, und das sind um 1980 Umweltprobleme, steigende Lebenshaltungskosten, Krieg und Wettrüsten, die atomare Drohung und der Hunger in der so genannten Dritten Welt. Mit diesem Thema beginnt die zweite Seite des Albums ›Udo ’80‹: »Ist das nichts, dass du sagen kannst: ›Ich esse mich satt.‹ / Während irgendwo jemand kein Reiskorn mehr hat«, singt Udo Jürgens nach einem Text von Irma Holder.5)

(›Ist das nichts?‹ wird zum Werbesong der ARD-Fernsehlotterie 1980; schon 1971 wurde ein Udo-Jürgens-Song für die Lotterie ausgewählt: ›Zeig mir den Platz an der Sonne‹, ein Liebeslied – »Ein Platz an der Sonne« ist das Motto der Fernsehlotterie; das geflügelte Wort »Platz an der Sonne« wurde im Kaiserreich nach einem Ausspruch des damaligen Staatssekretärs Bernhard von Bülow zur Devise deutscher Kolonialmachtbestrebungen.)

Nach dem Fauxpas ›Jamaica Mama‹ (Text: Udo Jürgens) und dem politisch-pädagogischen ›Tausend Jahre sind ein Tag‹ (Text: Siegfried Rabe)6) kommt zum Abschluss ›Wort‹.

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Die mit den Berliner Philharmonikern aufgenommene Komposition von immerhin acht Minuten Länge bietet zu einem Text von Oliver Spiecker hübsche Melodien, die alle Klischees der Spätromantik bedienen, ohne spätromantisch oder auch nur überhaupt romantisch zu sein: Das äußerst dynamische Arrangement funktioniert wie eine Tonfassade, ein Wall of Sound, die gleichermaßen lieblich und klanggewaltig einen Raum umschließt, in den Udo Jürgens dann mit prägnantem Ausdruck seine Stimme setzt: ganz leise wird es nach einem aufbrausenden Vorspiel, das Orchester schweigt, und Udo Jürgens singt zaghaft, aber doch kräftig: »Wort! Du bist Gedankenelement, / kannst Illusion sein, die verbrennt.« Nun ist die Stimme wieder anrufend, fast anklagend: »Bist unbegreiflich, / wenn man dich begriffen nennt.«

Es folgt nach einigen Strophen ein Zwischenspiel, wenn man so will: der »Rock-Part«, bis nach ein paar Steigerungen die Grundmelodie wieder eingefangen ist und Udo Jürgens weitersingt, noch zwei Strophen und dann die letzte: »Wort! Du wirst melodisch, wenn man singt,« – und jetzt setzt eine mäandernde Geige ein – »bist ein Signal, das in uns dringt.« Schließlich: »Du bist die Symphonie, die nie verklingt.« Und dann gibt es eine Reprise, wird das Anfangsthema noch einmal aufgenommen und zum Finale gesteigert – als eben Sinfonie, nämlich Zusammenklang (hörbar auch, markant, ein Fagott – eine erste Erinnerungsspur oder Anspielung auf die Familienbiografie Udo Jürgens’, die 2004 als ›Der Mann mit dem Fagott‹ erschien und unter demselben Titel 2011 verfilmt wurde?).

›Udo ’80‹ erscheint 1979 zu einer Umbruchszeit; der Kapitalismus ist global geworden, der Untergang des Realsozialismus kündigt sich an, die Moderne wird postmodern. Gerade die Trivialontologie des Schlagers bietet in dieser Epoche der sich anbahnenden neuen Unübersichtlichkeit (Jürgen Habermas 1985) zwar nicht Aufklärung und Klarheit, aber doch Sicherheit, und zwar eine, die es gestattet, sich weiterhin den Illusionen wider der Realität hinzugeben und ein wenig zu schwelgen.

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Die Tournee zum ›Udo ’80‹-Album wird 1980 »mit 330.000 Besuchern in 110 Konzerten die bis dahin erfolgreichste Konzerttournee von U[do] J[ürgens] …«7) – 2280 Songs soll Udo Jürgens insgesamt bei dieser Tournee gesungen haben, »davon 456 Zugaben, er durchschwitzte 152 Hemden und trank ca. 68 Liter Kamillentee!«8) Dazu gibt es im ZDF die TV-Show ›Meine Lieder sind wie Hände‹. Laut einer Umfrage des Allensbach Instituts ist Udo Jürgens 95 Prozent der deutschen Bevölkerung bekannt. 1981 ist Udo Jürgens »der meistgespielte deutschsprachige Künstler von allen deutschen Radiosendern«.9)

Vor allem ist er aber auch ein Image, ein Person gewordenes Spektakel, inszenierte seit den Sechzigern seine Medienpräsenz analog zur ästhetisch-technischen Entwicklung des Fernsehens (dazu gehört auch der »gläserne Flügel«; auf ihm spielt Udo Jürgens 1983 für eine TV-Produktion – auf dem knapp 3.500 Meter hoch gelegenen Jungfraujoch in den Schweizer Alpen). Beliebt ist Udo Jürgens als jemand, der sich einmischt, auch politisch: ein Konservativer, der geschätzt wird als freundlicher, aber auch unbequemer Gast in Talkshows, weil er seine Meinung sagt, die zugleich den Konsens der Meinungen aller nie überschreitet, ihn vielmehr stabilisiert. Die jeweiligen politischen Positionen, die Udo Jürgens vertritt, bleiben arbiträr, austauchbar; wichtig ist, dass er überhaupt etwas sagt, und das Gesagte energisch vertritt: als persönlichen Standpunkt, der konsensfähig ist allein deshalb, weil die Regeln der medialen Kommunikation eingehalten werden; die kritische Meinung ist ihr eigener Gegenstand.10) Udo Jürgens macht das zum Demokraten, zum (deutschen) Superstar, der immer auf dem (deutschen) Boden geblieben ist. Selbstverständlich ist er sozial eingestellt, kritisiert als Reicher den Reichtum der Reichen. Den Armen soll es besser gehen, wenn sie es besser wollen. Als Angestellter der Kulturindustrie, der es durch Fleiß und Engagement in deren Führungsetage geschafft hat, verteidigt Udo Jürgens, der mit seinen Statements immer mal wieder mit der (vor allem katholischen) Kirche aneckte, damit eine postmodern individualisierte protestantische Ethik, den neuen Geist des Kapitalismus.

›Ist das nichts?‹. – Udo Jürgens komponierte mehr als 1000 Lieder, verkaufte über 105 Millionen Tonträger. »Er zählt damit zu den erfolgreichsten männlichen Solokünstlern der Welt«, weiß Wikipedia. ›Mitten im Leben‹ heißt das letzte (zweiundvierzigste!) zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Studioalbum, ›Mitten im Leben‹ hieß auch die letzte große Konzerttournee, konzipiert als Gala zu seinem 80. Geburtstag, den Udo Jürgens Ende September 2014 feierte. Drei Monate später, am 21. Dezember 2014, stirbt Udo Jürgens an Herzversagen.

PS.

Das Album ›Udo ’80‹ gehörte zur spärlichen Schallplattensammlung meines Vaters (sie umfasste kaum mehr als zehn Platten); ob sie je gehört wurde, bezweifle ich – ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass mein Papa eine Schallplatte aufgelegt hat: ›Karl Richter spielt Bach‹, Orgel-Aufnahmen von 1964 bis 1967, u. a. ›Toccata und Fuge d-Moll‹, BWV 565 – um die Nadel am in die Grundig-Kompaktanlage eingebauten Dual-Plattenspieler auszubalancieren. Das misslang irgendwie, daraufhin wurde der Plattenspieler als zu empfindliches Gerät eigentlich nicht mehr benutzt …

  1. Zit. n. ›Hamburg 79. Porträt einer Weltstadt‹, hg. vom Hamburger Abendblatt, Hamburg 1979, S. 11. (↑)
  2. Der Schlager bietet die Möglichkeit, Fremdenfeindlichkeit als kulturelle Wertschätzung des Fremden zu kaschieren, sofern es sich auf akzeptable exotische Attribute und »Mentalität« reduzieren lässt – womit gleichzeitig das Image des Fremden als Fremdes überhaupt erst hergestellt wird, und zwar durch die Distanz zu eben ethnischen oder nationalen Eigenarten, die die Grenzen der »eigenen Kultur« nie überschreiten, wohl aber innerhalb dieser Grenzen »ästhetisch« genossen werden können (das charakterisiert das, was unter Bedingungen demokratisch verfasster Gesellschaften –

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