»Die Zeit der Distinktionen ist vorbei« –
Günther Anders vs.
Martin Heidegger
»Die Antwort auf Feuer ist nicht Prometheus, sondern Wasser. Es gibt Situationen, in denen auf Ursprüngen zu bestehen, unmoralisch ist.« Günther Anders, Frömmigkeitsphilosophie (S. 365) Gelegenheitsphilosophie (I) In seinem Hauptwerk ›Die Antiquiertheit des Menschen‹, zuerst 1956 erschienen, spricht Günther Anders von der Notwendigkeit einer Gelegenheitsphilosophie und meint damit eine Mischung aus Journalismus und Metaphysik: Günther Anders, der im …
Dialektik im Stillstand
Walter Benjamins materialistische Kulturphilosophie expliziert den Versuch, die kapitalistische Gesellschaft, wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellte, aus der spezifischen Logik des Modernisierungsprozesses des 19. Jahrhunderts heraus freizulegen. Das 20. Jahrhundert offenbarte schon in seinen ersten Jahrzehnten die barbarische Gewalt eines »Zeitalters des Exterminismus« (Edward P. Thompson); im Schatten des Ersten Weltkrieges, des Kolonialismus und der politischen Reaktion kündigte sich bereits der faschistische Terror an. Benjamin bestimmte die Ursachen in der spezifischen gesellschaftlichen Konstellation, den Ungleichzeitigkeiten, mit denen sich die Warenwirtschaft im 19. Jahrhundert durchsetzte: Paris erschien ihm aus besonderen Gründen als »die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts«; denn hier konzentrierten sich die widersprüchlichen Kräfte, die ökonomischen, politischen, technischen, kulturellen und sozialen, die mithin die Antagonismen der bürgerlichen Gesellschaft im Kern charakterisieren – dazu gehört auch die nur im Widerspruch realisierte Idee der Bildung. Auch wenn Benjamin keine systematische Bildungstheorie formuliert hat, sind seine kritischen kulturphilosophischen Explikationen bildungstheoretisch zu lesen und methodisch fruchtbar zu machen als Werkzeuge zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Bildungsprozesse. In diesem Sinne spricht Benjamin selbst vom »pädagogischen Vorhaben« in seinem Passagen-Werk und präzisiert den Begriff der Bildung in seiner Bildbedeutung mit einem Zitat Rudolf Borchardts: »Das bildschaffende Medium in uns zu dem stereoskopischen und dimensionalen Sehen in die Tiefe der geschichtlichen Schatten zu erziehen.« (Benjamin)
Schöne neue Welt (3)
Zunächst nur ein kurzer Empfehlungshinweis auf diese Aufsatzsammlung: Ulrich Ruschig & Hans-Ernst Schiller (Hg.), ›Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno‹, Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden 2014, 230 S. brosch.
Zur Aktualität der kritischen Theorie
Theodor W. Adornos
Adorno hat bereits in den sechziger Jahren, nämlich in seinem philosophischen Hauptwerk ›Negative Dialektik‹ darauf hingewiesen, dass eine jede Theorie heute als Mode auf einem akademischen Markt kursiert. Wenn Kulturindustrie wesentlich meint, dass alle Kultur zur Ware wird und mithin jedes Kulturprodukt in der Reklame für die Welt, wie sie ist, erstarrt, dann gehört das ja zur notwendigen Logik der spätkapitalistischen Kulturindustrie: Dass sie ihre schärfsten Kritiker durch Integration entschärft; dass sie die Kritik, und selbst die radikale Kritik, mit anderen Positionen, auch mit diametral entgegengesetzten und affirmativen Positionen nivelliert. Adornos einhundertster Geburtstag bot nun den willkommenen Anlass, seine kritische Theorie etwa ins kulturkonservative Fahrwasser zu bringen, oder überhaupt dadurch zu entmächtigen, indem Adorno auf den Kulturtheoretiker und Musikphilosophen reduziert wird. Wenn doch noch auf Adornos Gesellschaftskritik eingegangen wird, dann wird sie perfide – wie etwa in der ›F.A.Z‹ – zum Gewissen der Restauration gemacht.
Dahinter versteckt sich eine Biografisierung, die bereits von Leo Löwenthal (vgl. sein Beitrag: ›Zur biografischen Mode‹ in der ›Zeitschrift für Sozialforschung‹) in den dreißiger Jahren bemerkt wurde. Nicht nur wird kritische Theorie damit depotenziert, sondern kritische Reflexion wird in gewisser Weise lächerlich gemacht, indem eben das Kritische auf die Marotten von vermeintlichen Persönlichkeiten reduziert wird.
Zur Kritik der Befreiung. Einige Bemerkungen zur Aktualität emanzipatorischer Politik
Auch wenn wir das Wort Emanzipation gemeinhin mit Befreiung übersetzen, so meint der Begriff doch wesentlich mehr, nämlich Freisetzung, Freilassung, Freisprechung und Verselbstständigung. Wenn schon Emanzipation als Befreiung definiert wird, dann also explizit im Sinne der Selbstbefreiung. Die Herkunft des Wortes ist nicht unwichtig; die Aktualität des kritischen Emanzipationsbegriffs kann nur aus der kritischen Begriffsgeschichte gewonnen werden: sie entfaltet sich schließlich aus dem kritischen Begriff der Geschichte. Ein kleiner Gewaltmarsch durch die Eiswüste der Abstraktion scheint nötig, um zum Konkreten zu gelangen, gerade wo neulinke Modetheorien auch den Emanzipationsbegriff mittlerweile bis zur postmodernen Unkenntlichkeit entstellt haben, so dass er schließlich nur noch als Minimalkonsensphrase wieder erkennbar ist. Für die kritische Theorie bleibt die Frage zentral, wovon und wofür emanzipiert wird. Emanzipation ist die praktische Selbstbefreiung des Menschen, oder sie tendiert zum Gegenteil, zur Vernichtung des Selbst.
Krise und Illusion. Zur Philosophie der Massenkultur
»Es ist unwidersprechlich: es mangeln der Massakultur unsers Geschlechts und der einzig möglichen Massabehandlung derselben wesentliche Fundamente, deren festes, gesichertes Dasein die Individualkultur desselben wesentlich anspricht und ansprechen muss. – Mehr noch: Sie, die Massakultur unsers Geschlechts, ruht als solche wesentlich auf Fundamenten, die den Ansprüchen unserer Individualkultur unwidersprechlich entgegenstehen. Die Massakultur und mit ihr die wesentlichen Formen und Gestaltungen des gesellschaftlichen Zustands gehen unwidersprüchlich überwiegend von den Ansprüchen unsers Fleisch und Blutes aus.« Diese Sätze des Bildungstheoretikers Johann Heinrich Pestalozzi von 1823 gehören zu den ersten Zeugnissen, in denen von Massenkultur die Rede ist. Seine Sorge über Mangel und Mängel der Massenkultur akzentuiert bereits das für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts symptomatische Verhältnis zur Kultur: Die Massenkultur sei in ihrer Entwicklung und Wirkung von einer höheren Kultur grundsätzlich zu unterscheiden; die Massenkultur bedeute eine Gefahr für die höhere Kultur, habe ihren Ursprung in niederen Trieben und Bedürfnissen, und führe kaum zur Verbesserung des Menschen.









