Die Wiederkehr des Faschismus – Notiz

Zusätzlich zu diesen Notizen, die freilich noch nicht die Rezension sein sollen, habe ich gestern in der Freibaduniversität (1. Juni 2022, FSK) einen kleinen Bricht zu Masons ›Faschismus‹-Buch improvisiert.

Am 8. Mai 2022, also am Tag der Befreiung, sendet ›ttt – titel, thesen, temperamente‹ einen Rezensionsbericht über und mit Paul Mason, es geht um sein neues Buch ›Faschismus. Und wie man ihn stoppt‹.1)

Zu sehen sind u.a. zwei kurze Videosequenzen, aufgenommen mit der Smartphone-Kamera, hochkant, links und rechts zum üblichen TV-Format unscharf ergänzt. Zu sehen ist in beiden Sequenzen dasselbe: Ein Mann wird von einem anderen Mann mit einem Schlagstock zu Tode geprügelt. Schutzlos ist er den Schlägen ausgeliefert. Um beide Mord-Szenen herum stehen jeweils weitere Männer im Kreis, teils auch mit Schlagstöcken bewaffnet; sie wirken ruhig, eher gelassen als aufgeregt (wie Publikum einer Straßenmusik oder -theatergruppe).

Diese beiden Videosequenzen illustrieren (wie auch weitere Sequenzen, etwa vom Angriff auf den Obersten Gerichtshof in Brasilia 2020 oder vom Sturm aufs Kapitol 2021) die Wiederkehr des Faschismus – als globale Bewegung der Vernichtung. Sie zeigen den Faschismus, wo eine demokratische Weltöffentlichkeit ihn bisher nicht wirklich wahrgenommen hat: in Indien; hunderttausende straff organisierte Hindu-Nationalisten (es geht um Indien als rein hinduistischen Staat) planen den Genozid an 170 Millionen Menschen muslimischen Glaubens. Es sind die einzigen beiden Videosequenzen, in denen – augenscheinlich – Menschen umgebracht werden. Die Szenen sind nicht inszeniert, sondern »real«, also anschaulicher Beweis für das, was Faschismus bedeutet, und wo er ist.

Vier Elemente des Faschismus sind zu erkennen:

• Ein Mensch tötet einen anderen Menschen. Er handelt nicht in Rage. Er tut dies mit einer emotionalen Gelassenheit, mit der er vielleicht auch ein Fahrrad repariert oder einen größeren Abwasch in der Küche erledigt. Er scheint das zu tun, was zu tun ist. Bestenfalls ist ihm die Entmenschlichung in seiner Handlung »nicht bewusst«; es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass die Entmenschlichung sehr wohl »bewusst« Ziel und Absicht, Mittel und Zweck der Handlung ist. Indizien für moralische Bedenken, Mitleid, Zweifel an der Legitimität des Handelns etc. sind nicht erkennbar.

• Menschen sehen der Mordtat zu, sind teilnahmslose Teilnehmer (alles Männer); sie bilden um Täter und Opfer einen geschlossenen Kreis. Ob sie einfach zufällig das Gewaltgeschehen beobachten und als Schaulustige stehen geblieben sind, oder ob sie Mittäter sind, die dafür sorgen, dass das Opfer nicht fliehen oder sich wehren kann, ist nicht auszumachen; wahrscheinlich trifft beides zu. Sie sind »auf der sicheren Seite«: klar ist wohl, dass sie nicht Opfer sind, nicht Opfer werden können. – Keiner von ihnen schreitet ein, versucht dem Verprügelten zu helfen; keiner von ihnen zeigt irgendeine Regung der Abscheu, der Empörung über das, was da geschieht. Sie dulden die Entmenschlichung.

• Einer filmt die Szene. Er steht auf einer kleinen Erhöhung oder hält sein Smartphone nach oben: mit Bedacht versucht er das gesamte Geschehen im Überblick mit seiner Kamera einzufangen. Er dokumentiert – nicht den Mord (oder Mordversuch), sondern einen Akt der Bestrafung. Die Szene wirkt in beiden Filmen beiläufig; die mit der Kamera festgehaltenen Bilder skandalisieren nichts, zeigen keine »verborgene Wahrheit«, keinen »verborgenen Sinn«. Das Verhältnis der Person, die filmt, zum Täter wie zum Opfer ist rein technisch. Technisch wiederholt sie die Entmenschlichung mit dem Film. (Ob die Bilder als grausam empfunden werden oder nicht, liegt allein bei denen, die den Film sehen.)

• Der Film bleibt nicht »geheim«, sondern wird medial reproduziert, wird »geteilt«, geht »viral«; er wird auf einer oder mehrerer der vielgenutzten Videoplattformen im Internet hochgeladen, angeklickt, gesehen, weitergeschickt. Die Menschen, die den Film jetzt sehen, sind in ihrem Verhalten strukturell wenig verschieden von denen, die im Film als Zuschauer vor Ort zu sehen sind. Vielleicht (hoffentlich?) gibt es viele, die das, was sie sehen, nicht ertragen können, wegsehen, abschalten. Eine mediale Öffentlichkeit nutzt den Film (in Auszügen) zur Meinungsbildung, indem ein als allgemein unterstellter Konsens durch die mediale (Teil-) Öffentlichkeit verstärkt oder geschwächt wird: »Wir« sehen hier etwas – und dieses »Wir« ist von dem, was man sehen kann, weit entfernt. »Eingreifen« kann die öffentliche Meinung nur als öffentliche Meinung (und ist dann immer wieder damit konfrontiert, erfahren zu müssen, wie wenig Geltungskraft der von ihr unterstellte Konsens hat, wie schwach das postulierte Meinungs-»Wir« ist …). Wenigstens wird die Entmenschlichung hier inkriminiert; sie wird verurteilt, beklagt, verabscheut – sie wird aber nicht angegriffen. Und es ist hier (in der durch den Medienverbund definierten Öffentlichkeit) strukturell auch nicht vorgesehen, sie anzugreifen.

Die Wiederkehr des Faschismus – das ist Masons These (und darauf hebt der ›ttt‹-Beitrag vor allem ab). Mason schreibt in seinem Buch:

»Als meine Generation in den siebziger Jahren Skinheads ›Nie wieder!‹ zurief, verstanden wir diesen Slogan nicht als Ziel, sondern als Tatsache. Der Faschismus war Geschichte: ein Produkt für immer beseitigter gesellschaftlicher Hierarchien, ein Phänomen, das durch eine Art von Wirtschaftskrise heraufbeschworen worden war, die sich nie wiederholen würde.« (S. 11)

Aber das stellt sich jetzt im 21. Jahrhundert auf grausame Weise als falsch heraus: »Für mich ist inzwischen bewiesen, dass der Faschismus ein wiederkehrendes Phänomen im industriellen Kapitalismus ist. Und selbst wenn wir ihn dieses Mal besiegen, wird er zurückkehren. Wir müssen akzeptieren, dass Faschismus in jeder Gesellschaft entstehen kann, auch im globalen Süden, in Indien, in Brasilien«, sagt Mason in dem Fernsehbericht.

PS. – Ich hatte Masons ›Faschismus‹-Buch jetzt erst zur Rezension bestellt. Vorgestern war es im Briefkasten. Am selben Abend sehe ich mit meinen Kindern ›Logo‹ (das sind: die »Kindernachrichten« im ZDF). Der Moderator berichtet: Wegen des Schul-Amoklaufs in Texas vor einer Woche, bei dem 21 Menschen umgebracht wurden, gibt es jetzt einmal wieder in den USA eine Debatte über die Waffengesetze. Die Debatte wird als Debatte der politischen Parteien vorgestellt (beziehungsweise als Angelegenheit, die »in der Politik« entschieden wird). Die Position der Demokraten: Das bestehende Gesetz, das allen erlaubt, eine Waffe zu besitzen, sollte eingeschränkt, der Waffenbesitz womöglich sogar ganz verboten werden. Die Position der Republikaner ist dem entgegengesetzt: Es braucht noch mehr Waffen, damit die Guten sich bewaffnet gegen die bewaffneten Bösen zur Wehr setzen können; eingeblendet wird Donald Trump, der energisch fordert, dass man jetzt gefälligst an den Schulen fähige Lehrerinnen und Lehrer mit Schusswaffen ausstatten sollte. – Offenkundig sympathisiert der Moderator bzw. der Beitrag mit der Position der Demokraten; gleichwohl werden beide Positionen aber als eben die politisch akzeptabel verhandelbaren Positionen anschaulich gemacht.

  1. ›Die Rückkehr des Faschismus‹, Bericht von Grete Götze. Der Bericht ist bis zum 8. Mai 2027 verfügbar; ein Link findet sich auf der Suhrkamp-Seite zu Masons Buch; ansonsten ist er in der ARD-Mediathek zu finden … (↑)

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