Anke Thyen zur Rationalität des Nichtidentischen bei Adorno*

Negative Dialektik und Erfahrung (1)

Die Kritik der neueren kritischen Theorie an der älteren fixiert sich in der Regel auf die Aporien der »Dialektik der Aufklärung«. Dabei wird die geschichtsphilosophische Konstruktion mit »katastrophischem Blick«, wie Habermas sagt, mit einer Einseitigkeit kritisiert, die auch nachfolgende Werke Adornos und Horkheimers unter den Vorwurf der Geschichtsphilosophie subsumiert. Adornos nichtidentisches Denken und auch seine Versöhnungskonzeption, schlichtweg die ganze »Negative Dialektik«, fallen damit unter den Tisch.
Anke Thyen legt mit ihrem Buch »Negativ Dialektik und Erfahrung« nun eine ganz andere Interpretation von Adornos Werk vor. Damit gelingt es ihr, zugleich die vorschnelle kommunikationstheoretische Wende zu revidieren und Adornos Konzept einer dialektischen Rationalität zu aktualisieren. Ausgangspunkt ist für Thyen, ähnlich wie in Habermas’ ›Theorie des kommunikativen Handelns‹, das Webersche Rationalitätskonzept. Doch entgegen Habermas’ Gleichsetzung von Zweckrationalität und Instrumentalität arbeitet sie aus dem Weberschen Werk und aus dem Odyssee-Exkurs der ›Dialektik der Aufklärung‹ heraus, dass Zweckrationalität und Instrumentalität nicht gleichzusetzen sind. Wie Thyen durch eine Lesart der Homerischen Odyssee aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive zeigt, »verdankt sich die Konstitution des neuzeitlichen Selbst nicht nur der – zudem kognitivistisch verkürzten – instrumentellen Rationalität, sondern impliziert darüber hinaus selbstreflexive Orientierung, die sich nicht im instrumentellen Denken und Handeln der um ihre bloße physische Selbsterhaltung kämpfenden Subjekte erschöpft« (S. 111). Diese Erkenntnistheorie gilt es herauszuarbeiten, um zu zeigen, da der Vorwurf der Geschichtsphilosophie an die »Dialektik der Aufklärung« »nicht kritische Theorie insgesamt« trifft (S.109). Die ›Dialektik der Aufklärung‹, so Thyen, entfaltet lediglich auf der »Makroebene« die Dialektik des Denkens (vgl. S. 131).
Thyen geht es dabei um den Unterschied zwischen der Konstatierung des totalen Verblendungszusammenhangs und der »Ontologie des falschen Zustands« (Adorno) einerseits und zur Erkenntnistheorie andererseits. Gerade die in der »Negativen Dialektik« explizierte Erkenntnistheorie Adornos ist es nämlich, mit der die kritische Theorie selbst die Aporien der Dialektik der Aufklärung theorieimmanent reflektiert (vgl. S. 109). Hier finden sich die Möglichkeiten selbstreflexiven Denkens dargestellt. Keineswegs ist die ›Negative Dialektik‹ daher »als ein Exerzitium, eine Übung, zu verstehen«, wie Habermas meint, sondern als Theorie dialektischer Rationalität von Identität und Nichtidentität. Für Thyen fungiert Nichtidentität dabei nicht als Gegen- begriff zur Identität, sondern Nichtidentität »ist vielmehr der konstruktive Grenzbegriff des Begrifflichen, der Identität selber« (S. 198). Diese Entfaltung von Identität und Nichtidentität führt zu einer Aktualisierung der »Idee der Versöhnung«, zu einem Verweis auf das somatische Moment, welches durch die kommunikations- theoretische Wende, die Erfahrung auf intersubjektive Erfahrung reduziert, vergraben wurde. Da Erfahrung sich nicht auf Intersubjektivität reduzieren lässt, sich für Adorno aber auch nicht entgegen aller Kritik in einem bewusstseinsphilosophischen Begriff vom Subjekt verstrickt, stellt Thyen an Adornos materialem Subjektbegriff dar, der sich sowohl gegen das idealistische Bewusstseinssubjekt wendet, wie auch gegen ein kommunikativ verflüssigtes Subjekt.
Thyen zeigt, wie Adorno mit seiner Subjekt- und Erkenntnistheorie einerseits Gedanken Sohn-Rethels aufgreift, da nämlich zwischen Warenstruktur und Bewusstseinsstruktur ein Zusammenhang besteht, da Adorno aber auch über Sohn-Rethel hinaus greift und damit auch ein wichtiges Moment der Manschen Theorie auf- nimmt, in dem Bewusstsein und Erfahrung sich nicht monologisch aus der Ökonomie ergeben, sondern auch über sie hinausweisen kann. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion des Denkens enthält neue Möglichkeiten einer Metaphysik. Ansätze dafür sieht Thyen bei Adorno selbst impliziert (vgl. S. 218). Metaphysik wäre nach Adornos Konzept einer Rationalität des Nichtidentischen, wie Thyen im Schlusskapitel ihres Buches in Aussicht stellt, negative Metaphysik.
Für die praktische Philosophie hätte das Konsequenzen, die auch ein Defizit kritischer Theorie zu füllen in der Lage wären: die Formulierung einer Ethik. Diese Ethik hat genauso wie die negative Metaphysik ihre Bezugspunkte in der Gesellschaftstheorie Adornos: sie betreffen »den Zusammenhang von Philosophie und lebensgeschichtlicher Individualität, die sich geschichtlich ausprägt … Unter Bedingungen der Moderne verhält sich Denken analog zu den zerfallenen Vernunftmomenten. Denken, das das Ganze, nicht das antagonistische, zerfallene Ganze, denken will, kann nur Zuflucht nehmen bei der philosophischen Tradition.« (S. 284 ff.)
Bei aller Komplexität des Themas, an das Anke Thyen sich heranwagt, ist ihr Buch dennoch so verständlich, da es ihr nicht nur hinsichtlich einer theoriegeschichtlichen Problematik gelingt den »monolithischen Block« der »Negativen Dialektik« zu entschlüsseln, sondern Adornos Theorie überhaupt transparent zu machen.

* Anmerkung: Dieser Text ist die Originalfassung einer Buchbesprechung, die 1990 im ›Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie‹, Heft 19/20, erschienen ist; PDF: hier.
Revidierte Fassung: hier.

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