Kritische Theorie der Stadt

[…] Eine kritische Theorie der Stadt ist schließlich vom kritischen Begriff des Subjekts nicht zu trennen: als Stadtmensch erfährt das Subjekt immer wieder Transformationen, deren »Gesellschaftscharakter« (Erich Fromm) erst in Ansätzen herausgearbeitet ist. Beispiele wären nicht nur die Entwicklungen der schon von der Chicago School in den Blick genommenen »neuen städtischen Unterklasse« (und ihre lebensweltliche beziehungsweise alltagskulturelle Ausdifferenzierung), sondern etwa auch der ›Lebensraum des Großstadtkindes‹, Forschungen zu urbanen Jugendkulturen und die klassenspezifische Verschränkung von urbanen, bürgerlichen, proletarischen, modernen, postmodernen und kapitalistischen Lebensweisen.
Die kritische Theorie der Stadt konzentriert sich schließlich auf die beiden entscheidenden Begriffe Negation und Konkretion; sie stehen auch im Zusammenhang mit der gleichsam negativen wie konkreten Utopie der Stadt, die für eine kritische Theorie unverzichtbar ist. Die kritische Theorie sieht sich dabei vor die scheinbar schier unlösbare Aufgabe gestellt, dass die Stadt der Zukunft weder ihr soziales noch ihr architektonisches Fundament in den Städten finden kann, wie sie heute existieren. Gleichwohl kann die herrschende Ideologie des Urbanismus nicht darüber hinwegtäuschen, dass doch jedes einzelne Haus und jede Straße auch einem unabgegoltenen Wunsch Raum gibt und einen Vor- Schein auf eine Stadt darstellt, deren Bauplan erst noch entworfen werden muss. Konkretion heißt insofern: die Wirklichkeit der Stadt der Zukunft ist aus der Möglichkeit der befreiten Gesellschaft zu konstruieren, nicht aus den gegenwärtigen Städten. Das bedeutet Negation als Kritik: sich von dem herrschenden Urbanismus vollstädnig zu trennen, um für die kommunistische Baustelle das Fundament zu legen. Der Verstädterung der Gesellschaft ist die Vergesellschaftung der Stadt entgegenzusetzen – das ist in nuce kritische Theorie im Sinne der konkreten Totalität des gesellschaftlichen Seins, als konkrete Utopie des wirklichen Menschen.

Auszug aus ›Kritische Theorie der Stadt‹ [2007].
Als PDF: hier.

(75)