Funktionalismus gestern

Funktionalismus ist eines der großen Leitmotive der Architektur und Gestaltung der Moderne: Orientiert am Prinzip ›form follows function‹, das der Architekt Louis Sullivan Ende des letzten Jahrhunderts formulierte (und auch als einer der ersten architektonisch umsetzte), haben sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verschiedene Richtungen des funktionalen bzw. funktionalistischen Bauens und Gestaltens herausgebildet; sie haben freilich alle zu tun mit den ungeheuren Produktivkraftentwicklungen voranschreitender Industrialisierung und gehen dem Fordismus und Taylorismus einher.
Der Funktionalismus bezog gestalterisch auf die Form; die Idee der Funktionalisierung von Dingen (Häusern, Möbeln, Kleidung, Gebrauchsgüter etc.) bezog sich hingegen auf den »praktischen Nutzen« selbst – und drang so tief in die Sphären des Alltagslebens ein.
In der kapitalistischen Klassengesellschaft ist der Funktionalismus damit von Anfang an mit einem Widerspruch behaftet gewesen, indem nach seinen Maßgaben versucht wurde, eine Gesellschaft zu funktionalisieren, die strukturell gar nicht funktionalisierbar ist.
Das bestimmt überdies wesentlich die Ideologie des Funktionalismus, die schließlich die Ästhetik des Funktionalismus bzw. allgemein die funktionalistische Ästhetik charakterisiert, die sich mehr und mehr – in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – in die ›ordinary culture‹ eingeschrieben hat.
In Deutschland ist die Entwicklung des Funktionalismus vor allem mit dem 1907 gegründeten Werkbund verbunden. Vor fünfzig Jahren, 1965, zieht der Philosoph Theodor W. Adorno ein Resümee: Funktionalismus heute.
Zur selben Zeit kündigt sich der Niedergang der modernen Architektur an: die so genannte Postmoderne beginnt; proklamiert wird mit ihr ein Ende des Funktionalismus.
Von heute aus lässt sich leicht beurteilen, dass das falsch ist. Tatsächlich hat sich aber der Funktionalismus verwandelt; er behauptet selbstreflexiv geworden zu sein und seine Geschichte in die Aktualisierung seiner Idee mit einzubeziehen.

(Abstract zu einem Vortrag / Workshop, 28. November 2015, Bremen.)

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