Thesen zur Kulturindustrie, heute.

Spektakel, Nihilismus, Dschungelcamp, Gegenwartskunst, Selfies, Ende

Eine These schon einmal gleich vorweg: Die kritische Theorie der Kulturindustrie, die Adorno zusammen mit Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ unter Bedingungen der U.S.-amerikanischen Massendemokratie und mit Blick auf diese entfaltet hat, ist keine Kulturkritik, sondern das, was kritische Theorie ohnehin ist: radikale Gesellschaftskritik. Radikal ist sie im Sinne des berühmten Marxwortes vom An-die-Wurzel-Gehen, was der Mensch für den Menschen selbst sei, weshalb Kritik ad hominem zu demonstrieren habe. Um den Menschen geht es auch in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen und Phänomenen der Kulturindustrie: Die Gesellschaftskritik ist eine Kritik falscher Vergesellschaftung; die »Aufklärung als Massenbetrug« ist Herrschaft über das Subjekt, die es der Möglichkeit der Subjektivität beraubt. Das Glück bleibt ein Versprechen, zudem ein Versprechen eines falschen Glücks. – Was Adorno in den vierziger Jahren vor allem am Hollywood-Kino und Rundfunk exemplifiziert, verdichtet sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum System, das den Rahmen der so genannten Massenkultur längst überschritten hat: Ab den fünfziger Jahren hebt sich die Kulturindustrie in Pop auf. Weitreichende Entwicklungen erfährt dieses System sowohl durch die sich bahnbrechende Krisenlogik des Kapitalismus (die sich ideologisch im Neoliberalismus manifestiert), als auch durch die umfassende Technifizierung des Alltags und die damit einhergehende Ausdifferenzierung von Lifestyles; die Popkulturindustrie gerinnt zu einem kulturellen Komplex, der lapidar unter Schlagworte wie »Medien«, »Internet«, »Kreativität«, »Event« etc. subsumiert wird. Zu Recht haben Seeßlen und Metz solche Spektakel verächtlich als »Blödmaschinen« karikiert. Doch die Blödmaschinen sind schlau genug, auch noch diese Kritik – wie sowieso jede Kritik, selbstredend auch die mit dem Theorem Kulturindustrie bezeichnete – zu integrieren, einzubauen in das allgemeine Programm von Leistung, Verzicht und Anpassung.

(Abstract zum Vortrag: ›Spektakel, Nihilismus, Dschungelcamp, Gegenwartskunst, Selfies, Ende. Thesen zur Kulturindustrie, heute‹. – 12. November 2014, im Rahmen der »Vortragsreihe Gegenwartskultur«, Arbeitskreis Kritische Theorie, Frankfurt am Main.)

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