Positionen zur Technik, Technik­entwicklung, Technikkritik …

Folgende Positionen lassen sich unterscheiden:

a) Technik an sich ist positiv, identisch mit dem Fortschritt der Menschheit. – Unglücksfälle, Katastrophen etc. sind auf menschliches Versagen zurückzuführen, das heißt durch den technischen Fortschritt selbst abzustellen, indem das Ziel ist, den fehlbaren Menschen durch die unfehlbare Technik zu ersetzen – aber im Sinne des Menschen … Beispiel: Atomkraft ist an sich unproblematisch und nur durch unsachgemäße Handhabung oder niedere Interessen (Atombombe, Krieg) problematisch.

b) Technik an sich ist negativ; Technikentwicklung konterkariert den Fortschritt der Menschheit. Technik wird hierbei als Prinzip des (menschlichen) Weltverhältnisses verstanden. Dazu gehört zum Beispiel auch die Kritik an der Vorstellung, die Technik für unfehlbar zu halten; das heißt: Kritik des Technikoptimismus, Kritik der Technik-Euphorie, Kritik der »Vergötterung« der Technik etc. – Der Mensch kann die Technik nicht beherrschen. Beispiel: Schon der Hammer ist ebenso problematisch wie die Atomkraft und verweist bereits auf das Problem der Technik.
Eine Variante davon: In der spezifischen, durch Technik geprägten Geschichte der Menschheit hat sich die Technik in ihrem Charakter verkehrt. Beispiel: Der Hammer ist eine Technik, die kontrollierbar ist; die Atomkraft allerdings zeigt die Differenz zwischen Herstellen und Vorstellen – sie ist an sich unkontrollierbar.

c) Es gibt keine Technik an sich; die Technikentwicklung ist ein Teil der geschichtlichen Dynamik. Sie ist eigentlich neutral, gleichwohl aber Ausdruck eines allgemeinen Fortschritts – zum Beispiel in Hinblick auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse, Demokratisierung, Informationszugang etc. In der Technik spiegelt sich die tendenzielle Vernünftigkeit der Geschichte. – Beispiel: Zwar kann mit Atomkraft auch einiges zerstört werden, aber prinzipiell stellt sie einen Segen für den Menschen dar.

d) Die Technik ist in ihrer spezifischen Entwicklung von den allgemeinen Lebensverhältnissen und konkreten geschichtlichen Bedingungen abhängig, an sich allerdings erst einmal positiv (progressiv), das heißt sie stellt prinzipiell einen möglichen Fortschritt dar, der aber zum Beispiel durch die Ökonomie oder durch politische Interessen gehemmt wird – oder sogar ins Gegenteil umschlagen kann. Beispiel: Atomkraft im Kapitalismus ist problematisch und erst in einer sozialistischen Gesellschaft unproblematisch. Oder: Atombomben dienen eigentlich einer vernünftigen Politik der Abschreckung; erst in den Händen von Terroristen und Schurkenstaaten sind sie bedrohlich und gefährlich (also: das Technische selbst ist unproblematisch, nur die konkrete Anwendung ist ggf. problematisch).

e) Technik wird in ihrer konkreten Gestalt durch die gesellschaftlichen Bedingungen problematisch, und zwar in einem Maße, dass die Technik in ihrer Entwicklung selbst keinen Fortschritt mehr darstellt. Beispiel: Die Erkenntnisse der Kernphysik überhaupt zu nutzen, entspricht einer Logik der Moderne (des Kapitalismus), die insgesamt die Technik in eine Richtung bringt, die jeder Möglichkeit der Befreiung entgegenläuft; das heißt: in einer befreiten Gesellschaft wird es eine völlig andere Technik geben (oder geben müssen). Beispiel: Atomkraft ist in einer emanzipierten Gesellschaft undenkbar.
Zusatz bzw. Variante: Gleichzeitig hat die Technik der Moderne schon soviel Schaden angerichtet (Naturzerstörung), dass allerdings weiterhin die bestehende Technik genutzt werden muss, um die von ihr angerichteten Schäden zu reparieren. Beispiel: Die Folgen der Nutzung der Kernenergie werden die Menschheit, sofern sie nicht zugrunde geht, noch die nächsten Jahrzehntausende beschäftigen; es sind dies Schäden, die wahrscheinlich nur mit der Atomkraft selbst gebannt werden können …
Zusatz: Technik ist ohnehin ein viel zu vager Begriff, um damit gleichzeitig alle konkreten technischen Erfindungen und die abstrakte Dynamik des Technischen zu fassen; gleichwohl sind aber Tendenzen erkennbar, die etwa auch für die begriffliche Generalisierung und Hypostasierung der Technik verantwortlich sind. Die Kritik gilt dabei nicht der Technik an sich, sondern der technologischen Rationalität; die Kritik ist immanente Kritik. Beispiel: Atomkraft ist nicht erst problematisch, wenn es zu Aus- und Unfällen kommt, sondern problematisch ist allein schon ein als vernünftig legitimiertes »Denken«, das Kraft seiner rationalen Logik eine Entwicklung in Gang setzt, die zwangsläufig bei der Atomkraft landet.

Allen Positionen (die hier nicht im Konjunktiv dargestellt sind, um eine Wertung zu vermeiden) ist gemeinsam, dass sie einen dezidierten und reflektierten Begriff der Technik voraussetzen (auch wenn nicht alle Positionen über einen solchen Technikbegriff verfügen).

Diese Positionen, die in der (durchaus vielfältigen) Nutzung der Atomkraft freilich ein sehr anschauliches Beispiel finden, wären nun in Hinblick auf wesentlich abstraktere Komplexionen der Technik und Technikentwicklung zu diskutieren: In welchem Verhältnis stehen Technik und Computer, Netzwerke und Numerikmaschinen, technologische Rationalität und die Kalkulationsprozesse? Gleichzeitig wäre aber auch immer wieder zu diskutieren, in welchem maße Technik oder technische (technifizierte) Prozesse und Prozeduren in die menschlichen Lebensverhältnisse eingreifen, schließlich inwieweit es möglich und wirklich ist, dass ›die Technik‹ oder ›das Technische‹ sich zum Beispiel in unserem Bewusstsein sedimentiert (als Bewusstseinsform?).

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