Postfunktionalistischer Urbanismus
und gelebter Raum


(Heinz Paetzold starb 2012. Im Katzenberg Verlag erschien im selben Jahr in einer Kleinstauflage die Broschüre ›Postfunktionalistischen Urbanismus und gelebter Raum‹ mit zwei Texten von Paetzold.)

Editorische Notiz zur Broschüre:
›Postfunktionalistischer Urbanismus und gelebter Raum‹

In seiner Lehr- und Forschungstätigkeit war Heinz Paetzold in verschiedener Weise mit Hamburg verbunden: Nach einigen Studiumssemestern in Hamburg (neben Köln, Heidelberg und Kiel), führte ihn der Weg zurück an die Wasserkante: Seit 1980 hatte er eine Professur für Kommunikationstheorie an der Fachhochschule für Gestaltung in der Armgardtstraße (heute Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg), lehrte zudem an der philosophischen Fakultät der Universität Hamburg als Privatdozent.

Ausgehend von einer in seiner Promotionsschrift an Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse entfalteten materialistischen Ästhetik, radikalisierte Paetzold die Ästhetik des deutschen Idealismus (Thema seiner Habilitation 1978) vermittels der Kantischen Transzendentalphilosophie über die Phänomenologie (Maurice Merleau-Ponty); mit Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen unternahm er eine nochmalige Transformation der – durch seinen Lehrer Karl-Otto Apel – transformierten Transzendentalphilosophie.

Im Zentrum von Paetzolds Denken steht von Anfang an eine konkrete Philosophie der Praxis, die er als kritische Theorie ästhetischer Erfahrung formuliert. Konkret ist solche ästhetische Erfahrung in Bezug auf das so genannte »Leibapriori« (Apel); kritisch ist die ästhetische Erfahrung durch Einbettung in eine materialistisch fundierte Gesellschaftskritik. Die in diesem Kontext sich ergebenden ästhetischen Probleme untersuchte Paetzold indes nicht als Teilgebiet philosophischer Forschung, sondern sie standen mithin gleichzeitig im Zentrum und bildeten den Rahmen seines kritischen Denkens. Überdies verschränkte sich mit dem Topos der ästhetischen Erfahrung im Sinne transzendentalphilosophischer Reflexivität notwendig Erkenntniskritik mit Gesellschaftskritik: notwendig, sofern Paetzold mit dem Konzept ästhetischer Erfahrung die Leitfrage nach den Bedingungen der Möglichkeiten von Erkenntnis lebensweltlich erschloss. Konzeptuell führte das Paetzold schon früh in das Themenfeld des gelebten Raumes; praktisch zeigte sich alsbald, dass der gelebte Raum der Stadtraum ist, der urbane Raum.

Heinz Paetzold hatte sich über die Jahrzehnte auch Hamburg als gelebten Raum erschlossen, mochte es, durch die verschiedenen Zonen der hanseatischen Innenstadt zu flanieren, liebte ausgedehnte Spaziergänge an der Alster oder am Elbufer entlang. Mit seinen Erkundungen setzte er gleichsam fort, was Jahrzehnte zuvor Ernst Cassirer, Aby Warburg oder Martha Muchow in und an Hamburg entdeckten, bevor auch hier der nationalsozialistische Terror losschlug; die Spuren, die hier noch zu finden sind, aktualisierte Paetzold mit seinem Programm einer transzendentalkritischen Kulturphilosophie, an der er seit den späten neunzehnhundertsiebziger Jahren arbeitete.

In dieser Broschüre veröffentlichen wir zwei Texte von Heinz Paetzold, die wesentliche Eckpunkte in diesem Programm einer transzendentalkritischen Kulturphilosophie dokumentieren; über das Konzept der ästhetischen Erfahrung verbunden, hängen die beiden Texte thematisch eng zusammen, auch wenn über fünfundzwanzig Jahre zwischen ihnen liegen: der Vortrag ›Gelebter Raum, geometrischer Raum, Raum in der Kunst‹ erschien 1984, den Vortrag ›Grundzüge des postfunktionalistischen Urbanismus mit Blick auf die HafenCity‹ hielt Paetzold auf einem von ihm organisierten Symposium in der Hochschule für Angewandte Wissenschaften 2010.

Die beiden Texte begleiten uns auf einem Spaziergang durch die HafenCity; der Weg führt über die Landungsbrücken zum Fischmarkt, wo wir uns am 23. September 2012 im Golem im Andenken an unseren Freund, Lehrer und Kollegen Heinz Paetzold getroffen haben.

Heinz Paetzold ist am 9. Juni 2012 während einer Forschungsreise in China gestorben. Am 20. September wäre er einundsiebzig Jahre alt geworden.

›Gelebter Raum, geometrischer Raum, Raum in der Kunst‹, in: Galerie vor Ort [Tibor Szemenyey-Nagy] (Hg.), ›Chronik. Chronologische Dokumentation über die siebenjährigen Aktivitäten und Ausstellungen der Galerie vor Ort in Hamburg. 1977–82‹, Hamburg: Galerie vor Ort 1984, S. 312–319.

›Grundzüge des postfunktionalistischen Urbanismus mit Blick auf die HafenCity‹, bisher unveröffentlicht.

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