Musik für junge Leute

Unterhaltung mit zwei jungen Frauen (in der Heidi-Klum-Sprache: »Mädchen«), sechzehn und siebzehn Jahre alt.

Die Sommerferien beginnen, dazu finden einige Schulabschluss-Partys statt. Die beiden wollen am Abend tanzen gehen. Sie haben sich einen Club auf der Reeperbahn ausgesucht, der auf Facebook Werbung mit dem Versprechen einer »Großen Sause« macht. Was das bedeutet, hat sich offenbar über die letzten zwei, drei Jahrzehnte nicht geändert: Ein Foto zeigt eine auf der Tanzfläche versammelte Männergruppe, die sich gegenseitig mit martialischen Gesten zujubeln, umringt von betörten Frauen. Die Männer bestimmen die Codes: die Kombination aus Baseball-Kappen, T-Shirts, Hoodies verrät, dass es um einen Style geht, der heute allgemein als Hip-Hop bezeichnet wird (siehe unten).

Was für Musik hört Ihr denn zum Tanzen? – »Och, so alles.« – Was ist in diesem Universum jugendlicher Ausgehlaune »alles«? Das eine Extrem – Walzer etc. – schließe ich aus. Beim anderen Extrem hake ich nach: »Kennt Ihr Drum & Bass?« – »Nö!« – Ich versuche, Ihnen diese Musik zu beschreiben, spiele schließlich etwas vor: zunächst Kemistry & Storm, hier und da ein paar Takte vom ›DJ-Kicks‹-Album (1999), dann Ausschnitte von Goldies ›Timeless‹ (1995). Die beiden sind sozusagen aufmerksam desinteressiert, reagieren so, wie sie wahrscheinlich auch in der Schule sitzen und dem Unterricht folgen. Ich hätte auch irgendeine andere Musik vorspielen können. »Regression des Hörens.« (Adorno) Es ist aber nicht nur die zunehmende Vergröberung des Gehörs, das sukzessive Verschwinden von Musikalität (das kenne ich von mir selbst); heute scheint eine neue Stufe erreicht: Regression des Hörens wird zur grundsätzlichen Unfähigkeit, die Ohren als Organe ästhetischer Erfahrung zu nutzen.

These: Es gibt keine Distinktion mehr, folglich auch keine Distinktionsgewinne; das kulturelle Kapital steckt in der Krise. Das Ästhetische ist nicht länger ein Vermögen zu distinguierten Geschmacksurteilen, die einmal hilfreich sein konnten oder wenigstens sein sollten, um sich in einer unsicheren Umgebung (»Kultur«) etwas sicherer zu fühlen (»Bildung«). Das ästhetische Vermögen als intellektuelle Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, die eigentlich nicht auszuhalten sind: indem sie »geistig«, »ideell« kompensiert werden. Dieser wesentlich bürgerliche Zug der Ästhetik prägte durchaus auch den idealistischen Humanismus, der sich ja gerade in den großen Werken der klassischen und romantischen Kunst manifestierte. – Anders gesagt: Das ästhetische Vermögen als Fähigkeit, das Unbehagen in der Kultur als solches zu artikulieren, ohne ohnmächtiges Einvernehmen. Heute scheint es umgekehrt: Artikuliert wird eben dieses ohnmächtige Einvernehmen – das Unbehagen in der Kultur wird zu einer Kultur der Behaglichkeit geglättet; Kunst selbst wird damit indifferent, nämlich Kitsch.

Frage nach Helene Fischer. – »Ja, die hören sie auch.«

Mithin seien das eher die Jungs, die so etwas hören. Als Partymusik. Sie halten diese Jungs für doof. Die Jungs singen dann bei ›Atemlos‹ mit. Sie singen aber auch mit. Absurd: Mitmachen in der Selbstwahrnehmung, eben gerade nicht mitzumachen. Geschmack, ›Taste‹, das ästhetische Urteil etc. unterliegt keinem Rechtfertigungszwang oder Legitimationsproblem. Weder gibt es emphatische Nähe zur Musik, noch dezidierte (reflexive) Distanz. Aussagen wie »Find ich gut!« / »Find ich nicht gut!« sind völlig arbiträr.

Weil es bei der Club-Party, wo die beiden hinwollen, offenbar (auch nach ihrer Einschätzung) um Hip-Hop geht, frage ich nach: Was ist Hip-Hop? – Sie überlegen, Denkpause (aber, verständlicherweise, auch schon Anzeichen erster Genervtheit, sich meinen Klugscheißerfragen stellen zu müssen; warum müssen? – weil den beiden nichts anderes einfällt, was sie statt meiner kleinen kulturellen Inquisition tun könnten …). Antwort, etwas unsicher: Hip-Hop sei ein Tanz. Da sind sie sich einig. Und das ausgesprochen zu haben, gibt ihnen – mir gegenüber und überhaupt – Sicherheit. Sie müssten es ja wissen, denn immerhin: sie machen Hip-Hop-Tanz (ich weiß nicht wo – Schule oder Verein).

Beide meinen mit Hip-Hop dasselbe, doch was sie mit Hip-Hop meinen, ist konfus. Klar ist für sie allein, dass Hip-Hop ein Tanz ist. Sie werden energischer: erst war der Tanz da, dann kam die Musik: »… und dann haben die Leute angefangen, dazu zu singen. Das ist doch immer so!«, belehren sie mich, als wäre ich total ahnungslos. Ich frage, ob sie die Rock Steady Crew kennen. Sie sehen mich entgeistert an. Ich versuche, vorsichtig nachzuhaken: »Was ist denn Hip-Hop-Tanz?« – »Na, so tanzen eben.« – »Ja, klar, man tanzt Hip-Hop, so zur Musik.« Ich frage: »Ist das Breakdance?« Das Wort haben sie noch nie gehört. Sie sehen mich an, als würde ich unerwartet das Thema wechseln und hätte zum Beispiel gefragt, ob sie wissen, was Mereotopologie ist. – Hip-Hop-Tanz scheint ungefähr dasselbe zu sein wie das, was meiner Generation in den achtziger Jahren als »Jazz Dance« angedreht wurde (eine Vertretungslehrerin drillte uns im Sportunterricht mit zackigen Schrittfolgen, die mit Fingerschnipsen von eins bis acht durchgezählt wurden, zu Medleys von Stars on 45).

Zurück zur Musik. Ich frage die beiden: »Kennt Ihr Musik, die Ihr so richtig gut findet …?« – »Na klar, das ist doch immer so …« – »Nein, ich meine Musik, die für Euch so schön ist, dass Ihr wollt, dass sie nie wieder aufhört.« Die beiden sehen mich an, als hätte ich die Frage in einer ihnen unbekannten Sprache gestellt … Ich übertreibe: »Musik, die Euch vollkommen begeistert, also Musik, bei der Ihr denkt: Das ist die Welt, das bin ich, das ist Gott?« Sie fühlen sich verarscht, das Gespräch zerfleddert.

Was die beiden unbedingt bei der Party im Club wollen, bleibt unklar.

Abends sind sie dann doch noch weggegangen, kamen aber nach eineinhalb Stunden wieder: nicht einmal in einer Kneipe sind sie gewesen, geschweige denn Tanzen.

(Geschrieben im Sommer 2015.)

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