Notizen zur Orgel

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Die Anfänge der Orgel reichen in die Antike zurück. Im Mittelalter etabliert sich dann die Orgel als Kircheninstrument, ihre Technik vereinigt die zwei Grundlagen, die fundamental für den Kapitalismus sind: die Präzision einer Uhr und das mechanische Werk einer Mühle. Sie gilt schon früh als »Königin der Instrumente«, sie funktioniert ›feudal‹: ein Orgelspieler spielt alle Instrumente; Dynamik entsteht in der Zusammenstellung der Register – anders als bei dem bürgerlichen Klavier, welches mit nur einer Klangfarbe, aber Anschlagsdynamik wesentlich mehr Individualität im bürgerlichen Sinne zulässt. Es kommt demnach nicht von ungefähr, dass nach der großen Barockorgelzeit – wo die Orgel als die Verkörperung der Mechanik zur Allegorie Gottes wurde – in der bürgerlichen Epoche der Klassik verdrängt wird. Erst die Romantik, die ja das Scheitern der Idee bürgerlicher Kollektivität darstellt und sich auf das Innerste des Einzelnen besinnt, verhilft der Orgel zu neuem Ruhm: Einerseits wird sie zu einem gleichwertigen Orchesterinstrument, wird sinfonisch eingesetzt (Camille Saint-Saëns, Gustav Mahler). Andererseits macht es eine neue Technik möglich, durch Riesenorgeln und bestimmte Verfahren Dynamik ins Spiel zu bringen (Franz Liszt, Max Reger). Schon um die Jahrhundertwende zeigt sich allerdings, dass der Unterhalt für diese Großorgeln zu kostspielig ist, sie zerfallen. Drei wesentliche Entwicklungen kommen hinzu:

Erstens: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, wo sich auch eine Kneipenkultur herausbildet, werden Orchestrions aufgestellt (Orchestrions vereinigen mechanisch verschiedene Instrumente in einem Schrank; sie funktionieren so ähnlich wie Spieluhren); bekanntlich werden sie vom Lochgrammophon beziehungsweise später der Schallplatte abgelöst. Die Reproduzierbarkeit der Musik erhält einen neuen Charakter.

Zweitens: Auch die Produktivkräfte der Musik verändern sich: Elektrizität bringt zwei Neuerungen: elektrische Klangübertragung von Klang und elektrische Klangerzeugung. Hier liegen die Ursprünge der Hammondorgel: bei einer Hammondorgel wird der Klang mechanisch erzeugt durch vor Tonabnehmern rotierende Zahnräder (vergleichbar durchaus der Klangerzeugung einer E-Gitarre). Wie bei aller elektrischen und schließlich elektronischen Klangerzeugung gibt es das Problem der Verstärkung, also die Schwierigkeit, ein schwaches Signal (leiser Ton) in ein starkes (lauter Ton) umzuwandeln. Dies war zunächst nicht möglich, weshalb ein Vorläufer der Hammondorgel, das so genannte Telharmonium einen ganzen Fabriksaal mit seinem Räderwerk ausfüllt, um genügend Energie für die Musikübertragung per Telefonkabel in die Haushalte zu erzeugen. Die Röhrentechnik erlaubt Klangverstärkungen, die dann für den typischen Hammondsound verantwortlich ist. Gleichzeitig – wir bewegen uns jetzt in den dreißiger Jahren – entwickelt sich die rein elektrische, also synthetische Klangerzeugung, das Trautonium, später Mixturtrautonium und Theremin seien als Beispiel genannt.

Drittens: Diese Instrumente erlauben die Beschallung einer sozial veränderten Raumordnung. Während die Pfeifenorgeln in den Kirchen – mit Ausnahmen wie etwa die Passauer Dom-Orgel – veralteten und in Konzerthallen zu Riesenmonstern mutierten (größte Orgel der Welt in Atlanta; die Nazis bauten die für Reichsparteitagszwecke in Nürnberg eine weitere Riesenorgel, die im Krieg zerstört wurde), konnten durch die Elektrizität kleine, aber klanglich umfangreiche Orgeln gebaut werden, die für Sportveranstaltungen, Kino, Kirchenmessen und andere Massenveranstaltungen ebenso einsetzbar waren wie für den Privatgebrauch, die Hausmusik. Die Hammondorgel entwickelt sich dabei übrigens zur selben Zeit, in der die Nazis ein so genanntes »Volkstrautonium« planten.

Ab 1954 wird die berühmte Hammond B-3 gebaut, die sich schnell im Jazz durchsetzt. Percussion, Vibrato, Volume-Pedal, auch die berühmte Leslie-Box gestatten eine Spielweise, die von der klassischen Orgelliteratur vollständig abweicht. Bis heute ist es nicht wirklich gelungen, den Klang einer B-3 (beziehungsweise C-3) synthetisch und durch Nachbauten, auch nicht durch die Firma Hammond, nachzubilden. – Davon unberührt, um auf das skizzierte Ausgangsproblem zurückzukommen, setzten sich in den siebziger Jahren Tischgeräte durch, die mit Gebläse funktionieren (Vorläufer von der Firma Hohner gab es bereits in Ende der fünfziger Jahre); deren Verwandtschaft mit Harmonium oder Akkordeon deutet schon auf die Musik, die hier gespielt werden soll: die Übungshefte bieten einfache Volksmelodien. Während die zweimanualigen Heimorgeln von Yamaha, Vox, Farfisa etc. durch Nussbaum-Nachbildung eine – zudem kostenaufwändige – Anbiederung an den Stil des Bürgertums darstellten, indem die Orgel wie einst die Grammophone oder die Musiktruhe zum Möbel erklärt wurde, das man in erster Linie besitzt und erst in zweiter Linie spielt, verkörpert die Bontempi-Orgel die kleinbürgerlichen Ressentiments, also eine gewisse Abneigung gegen Kultur, bereits im Design. In den europäischen Kinderzimmern erfüllten die bunten Plastikorgeln, oft nur mit imitierten Tasten ausgestattet, ein Programm musikalischer Aberziehung. – Die Orgel hatte durch die Hammondtechnik und Jazz »Swing« bekommen: die Dynamik ihres schwebenden, fließenden Klangs färbte stilistisch auf die Rockmusik, klanglich auf Moog-Synthesizer und Mellotron ab. Dagegen steuerte eine merkwürdige Entdynamisierung in der Orgeltechnik, gepaart mit einer neuen Stufe der Ideologie des Entertainments: die Rede ist von der Begleitautomatik, der Rhythmusmaschine und dem neuen Charakter des »Alleinunterhalters«: ein Mann, tausend Melodien und eine selbst zusammengelötete Orgel von Wersi oder Dr. Böhm, die Wiederkehr des Evergreens auf Chromfüssen, dargeboten auf futuristischen Schlachtschiffen mit bis zu fünf Manualen, nebst Pedal.

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(Auszug aus einem Text, datiert auf den 25. Mai 1999.)

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