Das Technopol

Thesen

1. Die Technologie, über die noch in den 1990er Jahren diskutiert wurde, ob sie nicht Entmündigung befördern würde, gilt heute uneingeschränkt als Technologie der Mündigkeit. – Die Frage war damals, skeptisch: ob Mündigkeit politisch trotz digitaler Technik überhaupt möglich ist, oder affirmativ: in welcher Weise die digitale Technik die politische Mündigkeit erweitert oder stabilisiert. Heute gilt allenthalben, dass politische Mündigkeit die digitale Technik zur Voraussetzung hat.

2. Die Geräte, die noch in den 1990er Jahren als Ausdruck der neuen, digitalen Technologie galten (Computer, erste Mobiltelefone, Videospielkonsolen etc.), sind verschwunden: Kaum noch jemand benutzt die technologischen Apparate aus dem letzten Jahrhundert (z. B. Telefone mit Wählscheibe, aber ohne Display; Taschenrechner, elektronische Schreibmaschinen, Röhrenfernseher etc.). Mit der Entwicklung der digitalen Technologie hat sich der Charakter der technischen Geräte vollständig verändert.

Die Telefonzelle bei ›Matrix‹ oder bei ›Lost‹: Das ist noch der alte Gerätetypus, aber in diesen Fällen im Film – unheimlich. Alter Gerätetyp meint: Das Telefon als konkreter, »fester« Apparat; eine Maschine, die es erlaubt, zum Beispiel durch elektrische Ströme große Distanzen zu überbrücken. Ich telefoniere »mit Amerika«. Es ist aber klar, dass ich gerade nicht in Amerika bin (sondern in Altona). Was an den Telefonzellen in ›Matrix‹ oder ›Lost‹ allerdings unheimlich ist: Dass das Telefonat, also die in einem sehr beschränkten Bereich funktionierende Technik, selbst zum Transporter wird, also auf einen Bereich technisch ausgedehnt wird, der prinzipiell alles umfassen könnte. Das Telefon wird in seinen Funktionen zur Schnittstelle. Ich telefoniere »mit Amerika« – und bin auch, obwohl ich eben noch in Altona war (war ich wirklich da?) in Amerika … Das ist unheimlich, weil man ja weiß, dass so etwas mit einer klapprigen Telefonzelle, die irgendwo in Brooklyn am Straßenrand oder in Sidney in der Militärkaserne steht, nicht wirklich ist – aber vielleicht, zumindest fiktiv, möglich ist. Bei den heutigen Geräten (Smartphones etc.) ist diese Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit vollkommen unerheblich. Nicht mehr gilt: das Medium ist die Botschaft, sondern die Medialität ist die Botschaft (eigentlich sogar: die Botschaft ist die Botschaft …). Was mit einer alten Telefonzelle, möglich, unwirklich, und deshalb unheimlich ist: sich mit dem Telefonat von A nach B zu versetzen lassen (wo dann nämlich unklar ist, ob A oder B der Ort primärer Realität ist – im Sinne von X ist der virtuelle Appendix von Y), ist mit einem neuen Telefon, Smartphone etc. selbstverständlich und banal (auch, weil die Frage nach der primären Realität und ihrer virtuellen Verlängerung irrelevant ist). NB: Das in Filmen der 1960 ff. gerne in Telefonzellen telefoniert wird, während es regnet (so auch in ›Lost‹); es macht nicht wirklich Sinn, auch nicht um dramaturgische Spannung zu erzeugen, eine Person mit dem Smartphone kommunizierend zu zeigen, während sie im Regen steht. [Fortzusetzen]

3. Brechts Satz aus seiner Rundfunktheorie: die Leute können alles sagen, haben aber nichts zu sagen, muss revidiert werden: Die neue Technologie qualifiziert sich dadurch, dass die Leute das alles sagen können, was sie nicht zu sagen haben. Es gilt auch nicht mehr Benjamin: »Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen«. Eher umgekehrt: ›Ich habe nichts zu zeigen, nur nichts zu sagen‹.

4. Eine Kritik an Postman damals: Seine Urteile seien unzulässige Verallgemeinerungen und zu pauschal. Man könne nicht die Technologie insgesamt verurteilen. Es hat sich aber genau so entwickelt, wie es Postman in seiner unzulässigen Verallgemeinerung postulierte. Die Kritik ist heute: Postman hatte keinen Sinn für eine zulässige Verallgemeinerung. Nicht die Kritiker haben die Folgen der Technikentwicklung pauschalisiert, sondern die Technikentwicklung hat die Welt pauschalisiert – und damit im Übrigen die Kritiker überflüssig (oder zumindest lächerlich) gemacht.

5. Der einzig bewusste Umgang mit den neuen Medien ist – gar keiner. [Fortzusetzen]

Neil Postman, ›Das Technopol. Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft‹, aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser, Fischer Verlag: Frankfurt am Main 1992, 222 S. brosch.

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