Geist der Utopie, 1918
Anfang der Neunzehnhundertneunziger war ich in Amerika, den Vereinigten Staaten, genauer: in der Republik Kalifornien, in Berkeley, gleich bei San Franzisco, die schöne Pazifikstadt, die über die Bay Bridge leicht zu erreichen war (oder unterirdisch mit der BART). Hier schien die Sonne, manchmal so heiß, dass die unüberlegt mit Eukalyptusbäumen bepflanzten Hügel Feuer fingen. […] (40)
Kultur ist Aneignung (und Aneignung ist Kultur)
Ich bekomme das Buch erst jetzt in die Hände – ein Exemplar der 4. Auflage. In jedem Fall: ein kluges, notwendiges Buch. Warum? – Dazu erst einmal provisorisch: In der ›Jungle World‹ hat Konstantin Nowotny geschrieben: »Ist Ethnokitsch von Dreadlocks bis Räucherstäbchen also am Ende eine Technik der Wiedergutwerdung – und deswegen gerade bei Rechten und denen, die …
Zigarettenfabrik
Irgendwann Anfang der neunziger Jahre, zwischen Blumfelds »Ich-Maschine« und »L’Etat et moi«, wurde der Begriff der Hamburger Schule geprägt, jener pop-politischer Arbeitszusammenhang, der journalistisch gerne auf eine musikalische post-punk Attitüde verkürzt wurde, obwohl er gemeint war als kulturelle Reflexion auf eine soziale Situation der großdeutschen Wendezeit, deren Hauptstadt Rostock-Lichtenhagen heißt. »Etwas besseres als die Nation« war die Parole des an die französische Revolution angelehnten Wohlfahrtsausschusses, der in antifaschistischer Absicht diskutierend und konzertierend durch neue Bundesländer tourte. Blumfeld ließ damals einen großen Chor einer Notlösung zwischen Pop- und Restlinke singen: »Und davon handeln wir«.
Ungefähr Endzeit und Zeitenende
Tom Holert, ›»ca. 1972«. Gewalt — Umwelt — Identität — Methode‹, Spector Books: Leipzig 2024, 544 S. brosch. »„ca. 1972“ schildert die Aufbrüche, nicht das Ankommen. So hält es sich heraus aus den — oft auch resignativen — Debatten, inwieweit die emanzipatorischen Bestrebungen der 70er Jahre nicht schon der Beginn der Kultur war, die die neoliberale Ära der …
Die Domestizierung der Nonkonformisten
Notizen zur sozialen Amnesie Alex Demirović, ›Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule‹, 800 S. brosch. (120)
Kaffee verkehrt. Max & Consorten
Philipp Lenhard, ›Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter Schule‹, C.H. Beck: München 2024, 624 S. geb. (66)
Postkapitalistische Depressionen
Mark Fisher, ›Sehnsucht nach dem Kapitalismus‹, mit einer Einführung von Matt Colquhoun und mit Illustrationen von Andy King, übersetzt von Alexander Brentler, Brumaire: Berlin 2023, 294 S. brosch. (63)
Testcard #26 – Utopien
Popgeschichte ist auch die Geschichte unzähliger Utopien, gelebter und gewünschter Entwürfe einer anderen, einer besseren Welt, die von Freedom und Happiness und Love bestimmt sein soll. Der Pop selbst beanspruchte schließlich, eine Utopie zu sein, ein verwirklichter Traum vom guten Leben. Allerdings ist Pop in all seiner Vielfalt immer auch das Gegenteil von Utopie gewesen: die auf die private Nische reduzierte Idylle, in der jede und jeder sich irgendwie durchwurschtelt, das bescheidene Glück des Augenblicks (im Konzert, im Kino, im Konsum) oder das ins Unterhaltungsformat gebrachte Schreckensszenario, die Katastrophe als Entertainment, die Dystopie. Pop ist eben nicht nur Nicht-Ort, nowhere, sondern ein now here, Jetzt-Hier.



