Wahrheit und Methode
»Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass du hinter anderen her sein musst.« (36)
Denkschrift an die Lebenden über den Tod, der sie beherrscht, und die Zweckmäßigkeit, sich seiner zu entledigen
Von Vaneigem, dem alten Situationisten und Textrebellen, wäre durchaus mehr zu erwarten gewesen als dieses Buch, das in der französischen Originalausgabe von 1990 Adresse aux vivants sur la mort qui les gouverne et l’opportunité de s’en défaire heißt und eben im Deutschen auch hätte heißen können: „Denkschrift an die Lebenden über den Tod, der sie beherrscht, und die Zweckmäßigkeit, sich seiner zu entledigen“, nun aber appellativ, und damit dem Duktus entsprechender, übersetzt wurde als: An die Lebenden! Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie. Wollte man das Buch mit den Arbeiten Guy Debords vergleichen – ein Vergleich, der sich nicht nur durch den Situationisten-Bezug ergibt, sondern auch durch die versprochene kritische Schärfe gegen Ökonomisches –, dann ist es leider nicht die Verwandtschaft zur Gesellschaft des Spektakels, sondern eher die Kryptik und bisweilen Verstiegenheit, die sich etwa in Debords Schrift Panegyrikus findet, die sich zur – stilistischen und inhaltlichen – Analogie anbietet.
Die Ordnung der Dinge
Wir leben wohl in einer Welt, die uns auf merkwürdige Weise kaum überrascht, die uns überraschend unmerkwürdig begegnet: zweifellos haben die technologischen Fortschritte, die in den letzten zwei Jahrzehnten in unsere alltägliche Umwelt Einzug gehalten haben, zu Änderungen von Erfahrungs- und Wahrnehmungsweisen geführt. Doch hat Automatisierung und Technifizierung offenbar weit weniger Verständnis vom Menschen abverlangt, als Zivilisationskritiker zunächst dachten; vielmehr bricht die Technik herein, als sei ihren Platz im Alltagsleben schon längst reserviert gewesen. Das mag auch deshalb sein, weil eben das gegenwärtige Verhältnis zu den Dingen weit vor der Verwirklichung der letzten technologischen Entwicklungsschritten technisch-instrumentell vorbereitet war: Verdinglichung hieß das einmal. (Text von 1999.)
Die Gesellschaft des Spektakels
Zunächst: Rezension der Neuauflage (1996) der Gesellschaft des Spektakels vom Situationisten Guy Debord. Dann: Skizze einer Polemik gegen eine vorschnelle Wende zum Utopischen, die im Windschatten der Situationisten ins Fahrwasser des Utopistischen zu geraten droht. (Ein Rezensionstext von 1997.)
Dialektik im Stillstand
Walter Benjamins materialistische Kulturphilosophie expliziert den Versuch, die kapitalistische Gesellschaft, wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellte, aus der spezifischen Logik des Modernisierungsprozesses des 19. Jahrhunderts heraus freizulegen. Das 20. Jahrhundert offenbarte schon in seinen ersten Jahrzehnten die barbarische Gewalt eines »Zeitalters des Exterminismus« (Edward P. Thompson); im Schatten des Ersten Weltkrieges, des Kolonialismus und der politischen Reaktion kündigte sich bereits der faschistische Terror an. Benjamin bestimmte die Ursachen in der spezifischen gesellschaftlichen Konstellation, den Ungleichzeitigkeiten, mit denen sich die Warenwirtschaft im 19. Jahrhundert durchsetzte: Paris erschien ihm aus besonderen Gründen als »die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts«; denn hier konzentrierten sich die widersprüchlichen Kräfte, die ökonomischen, politischen, technischen, kulturellen und sozialen, die mithin die Antagonismen der bürgerlichen Gesellschaft im Kern charakterisieren – dazu gehört auch die nur im Widerspruch realisierte Idee der Bildung. Auch wenn Benjamin keine systematische Bildungstheorie formuliert hat, sind seine kritischen kulturphilosophischen Explikationen bildungstheoretisch zu lesen und methodisch fruchtbar zu machen als Werkzeuge zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Bildungsprozesse. In diesem Sinne spricht Benjamin selbst vom »pädagogischen Vorhaben« in seinem Passagen-Werk und präzisiert den Begriff der Bildung in seiner Bildbedeutung mit einem Zitat Rudolf Borchardts: »Das bildschaffende Medium in uns zu dem stereoskopischen und dimensionalen Sehen in die Tiefe der geschichtlichen Schatten zu erziehen.« (Benjamin)
Die Käfer im Garten
Beatrice Alemagna, ›Bugs in the Garden‹, Phaidon Verlag: New York et al. 2011, 40 S. geb. Verlagsseite zum Buch: hier. Weitere Bücher von Beatrice Alemagna, z. B.: • ›My Friend‹, NorthSouth 2005 • ›Bugs in a Blanket‹, Phaidon 2009 • ›The Bug next Door‹, Phaidon 2012 • ›Bugs at Christmas‹, Phaidon 2013 (69)






