Ein Rezensionsbeitrag von 2001*

Denkschrift an die Lebenden über den Tod, der sie beherrscht, und die Zweckmäßigkeit, sich seiner zu entledigen

Von Vaneigem, dem alten Situationisten und Textrebellen, wäre durchaus mehr zu erwarten gewesen als dieses Buch, das in der französischen Originalausgabe von 1990 Adresse aux vivants sur la mort qui les gouverne et l’opportunité de s’en défaire heißt und eben im Deutschen auch hätte heißen können: „Denkschrift an die Lebenden über den Tod, der sie beherrscht, und die Zweckmäßigkeit, sich seiner zu entledigen“, nun aber appellativ, und damit dem Duktus entsprechender, übersetzt wurde als: An die Lebenden! Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie. Wollte man das Buch mit den Arbeiten Guy Debords vergleichen – ein Vergleich, der sich nicht nur durch den Situationisten-Bezug ergibt, sondern auch durch die versprochene kritische Schärfe gegen Ökonomisches –, dann ist es leider nicht die Verwandtschaft zur Gesellschaft des Spektakels, sondern eher die Kryptik und bisweilen Verstiegenheit, die sich etwa in Debords Schrift Panegyrikus findet, die sich zur – stilistischen und inhaltlichen – Analogie anbietet.

Grundsätzlich ist es aber der prophetische, ja fast biblische Ton, der Vaneigems Streitschrift so wenig situativ und situationistisch macht und bisweilen gar an die Grenze des Unlesbaren bringt. Unklar bleibt insgesamt, wen Vaneigem sich zur adressierten Leserschaft wünscht, denn mal schreibt er, nicht weit von Nietzsche entfernt, gegen alle und keinen, dann macht er sich wieder zum Anwalt der Menschheit an sich, bei der es längst schon revoltierend gäre, was Vaneigem mit scheinbaren Zugeständnissen ans Selbstverständliche kommentiert. Er schwankt zwischen einem verzweifelten Optimismus und einem fröhlichen Pessimismus. Durchaus: wo es die Sätze nicht auf überhebliche Belehrung anlegen, sondern auf gewandte Rhetorik, gelingen Vaneigem Formulierungen, die die sprachliche Dichte eines Günther Anders erreichen, vom Gewollt-Konstruierten und Pathos aber leider gleich wieder verschluckt werden. Ein unklares Buch.

Ungebrochen und überdeutlich steht dagegen Vaneigems Vitalismus, der unbeugsame Glaube an die Kräfte der Lebenden und des Lebendigen. Dies scheint aber ein Effekt zu sein, der sich für das Anliegen Vaneigems ganz unbeabsichtigt ergibt, nämlich durch eine Überzeichnung eines durchaus situationistischen Motivs: eben – das Lebendige, das Leben; auch: Begierde, Begehren, Lust, Trieb etc. Dieses Lebendige hatte situationistisch allerdings immer seinen Ort im Konkreten, war die Aufhebung der Philosophie durch ihre Verwirklichung in der Praxis, sei’s die revolutionäre Aktion auf der Straße, sei’s die revolutionäre Aktion in der Kunst, sei’s Kunst, die auf der Straße zur revolutionären Aktion wird. In der Zeitschrift „S.I.“ vom Juni 1958 ist zu lesen: „Situationistisch …: Alles, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit einer Konstruktion von Situationen bezieht … Konstruierte Situation: Durch die kollektive Organisation einer einheitlichen Umgebung und des Spiels von Ereignissen konkret und mit voller Absicht konstruiertes Moment des Lebens“ (Zitiert nach dem von Roberto Ohrt u.a. herausgegebenen Band Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, ebenfalls im Hamburger Nautilus Verlag erschienen). Das Konstruieren von Situation als Element des Lebendigen funktioniert also – paradox genug, aber gleichwohl konsequent – nur im situativen Moment selbst, im Augenblick der Konstruktion. Ja, die Konstruktion ist die Situation. Das Konstruieren und Situieren verlangt mithin eine gewisse situative Permanenz. Nicht umsonst hat die Situationistische Internationale sowohl in ihrer politischen wie auch künstlerischen Praxis das geographische Element, also das Verortende und Lokalisierende in situativer Aktion weit mehr hervorgehoben als das Zeitmotiv, das Kontinuum. Temporäres statt Temporales: Ein Vorteil und Novum in der politischen Kraft der Situationisten war mithin, den Revolutionsbegriff aus dem homogenen Geschichtsverständnis und der historistischen Notwendigkeitslogik herausgesprengt zu haben, was Walter Benjamin schon in seinen Thesen über den Begriff der Geschichte theoretisch vorgezeichnet hatte und dann im Zuge der 68er-Bewegung erstmalig mit globaler Gewalt zum Tragen kam; es wurde so zu Bewußtsein gebracht, daß Revolution immer nur ein Augenblick ist und das Erfassen der revolutionären Situation, das Erfassen des revolutionären Ortes, wichtiger ist als das Erfassen der revolutionären Zeit.

Diese Form von Theorie-Praxis „funktionierte“ deshalb, weil sie im Augenblick der Praxis eben diese Praxis zum Kriterium der Wahrheit erhob. Genau an diesem entscheidenden Punkt der Legitimation situativer Praxis, die „Wahrheit“ oder „Richtigkeit“ einer Aktion meinend, wurde das zeitliche Element wieder hineingeholt, nämlich durch Aufsprengung des Zeitkerns. Nur in diesem Augenblick lag die Menschheitsgeschichte und ihre Logik wie der Knochen in einer tiefen Wunde frei. Herbert Marcuse – der in diesem Jahr einhundert Jahre alt geworden wäre – hat dies im Sinne einer Differenzierung von „Revolte“ und „Revolution“ expliziert. Hingegen unterschätzt der 1934 in Belgien geborene Raoul Vaneigem offenbar das Gewicht seines Konstruktionsversuchs: die Konstruktion der Situationen verläuft plötzlich parallel zur Universalgeschichte der Menschheit. Die Erfahrungen der Situationistischen Internationale – Vaneigem war von 1961 bis 1970 Mitglied – werden zu historischen Mustern universalisiert, und damit zugleich ahistorisiert.

Allein, theoretisch scheint Vaneigem sein Material nicht im Griff zu haben: „Ihr Leben wird beim Sprung aus dem Bett zerstört, wie es in der Kindheit und in den Anfängen der Geschichte zerstört worden ist.“ (S. 11) Kindheit wird zum Synonym des Vitalismus schlechthin, als Gegenbild zur „Warenzivilisation“, zur Geschichte – deren Entstehung setzt Vaneigem mit Jericho vor „etwa 9000 Jahren“ an; eine Geschichte, die „im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte ein wahnsinniges Durchdrehen des ökonomischen Prozesses erlebt hat.“ (S. 45) In dieser Zeitspanne die Entstehung einer auf Warentausch basierenden Gesellschaft zu rekonstruieren, kann aber nur Gedankenexperiment sein, nicht Resultat – vermeintliche Ergebnisse geraten zur kruden Ontologie; die Welt vor Jericho ist Natur, in der alles umsonst war – romantisch ist daran weniger die Utopie von Natur, sondern die merkwürdige Nähe zum Naturverständnis im Kapitalismus, dem diese ja gleichsam umsonst erscheint. In seiner berechtigten Kritik von Ökonomie, Arbeit, Angst etc. kann Vaneigem schließlich nicht mehr als eine Art positive Archetypenlehre aktivieren und muß mit esoterischen Formeln operieren: „Die Rückkehr zur Kindheit leitet die Wiedergeburt des Menschlichen ein.“ (S. 145) Indem die Weltgeschichte zur situativen Großkonstruktion ausartet, verliert Vaneigem die Konkretionsmöglichkeit seines theoretischen Unterfangens ganz aus den Augen. Daß die Kritik der Warenökonomie sich in den Jahrtausenden verläuft, ist die eine Sache; problematischer scheint die Lösungsrezeptur Vaneigems zu sein, die nach schlechtem Erich Fromm schmeckt: Von der „Kostenlosigkeit der Liebe“ ist da die Rede, die als Verweigerung der Ökonomie fungieren soll – im Zentrum steht dann die „alchimische Beziehung“, das „alchimische Ich“. Der Vitalismus schlägt schlimmer noch durch als in der Lebensphilosophie: „Nur diejenigen beginnen zu leben – so wie das Kind es noch nicht verlernt hat –, die sich Zeit nehmen, auf Wesen und Dinge den verwunderten Blick der Lust zu richten, die aus ihnen geschöpft und vervollkommnet werden kann – nicht als Betrachtung, sondern als Projekt einer unmittelbaren und endlosen Schöpfung.“ (S. 152)

Wenigstens: nehmen wir diese Schrift als willkommenen Anlaß, auf Bücher zu verweisen, die längst und brauchbar auf die von Vaneigem angesprochenen Fragen antworten. Dazu gehören: Herbert Marcuses Versuch über die Befreiung ebenso wie Erich Fromms Haben oder Sein. Vor allem ist Agnes Heller zu nennen, sowohl ihre Theorie der Bedürfnisse bei Marx wie auch die Philosophie des linken Radikalismus. Ansonsten empfehlen sich: Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels (in der Berliner Edition Tiamat 1996 noch einmal aufgelegt) sowie die ebenfalls schon erwähnte Sammlung Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten (1995 im Nautilus Verlag herausgegeben).

* (Besprechung von 2001, damals erschienen in: ›prima philosophia‹, hg. von Sabine S. Gehlhaar, Band 14 / Heft 4, Oktober / Dezember 2001, S. 429–431.)

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