Freibaduniversität
September 2016

Kulturrevolution und

Gesellschaftskritik (II)

(Zweiter Teil bzw. Fortsetzung 
der Sendung vom 2. September 2015)

Hinweis: In Erinnerung an Martin Büsser widmet sich die Freibaduniversität jedes Jahr im September historischen und aktuellen Aspekten der Popkultur als soziales Verhältnis.

Thema der Freibaduniversität im September 2015 war die Kulturlinke der neunziger Jahre.

Unter der Überschrift »Kulturrevolution und Gesellschaftskritik« wurden einige Aspekte beleuchtet, die für die Entstehung, ideologische Charakteristik und politische Funktion der Kulturlinken wichtig waren.
Historische Voraussetzung der Kulturlinken ist der Zusammenbruch des Realsozialismus Ende der Achtziger; nach 1989kann sich der Kapitalismus endgültig als »beste aller möglichen Welten« behaupten.
Für die Linke (als optionale politische »Einstellung« und »Haltung«) zielt die Vorstellung von Weltveränderung nicht mehr auf Gesellschaft als Totalität (im Sinne des Kommunismus, wirkliche Bewegung, Umwälzung der Verhältnisse; Emanzipation: der vergesellschaftete Mensch in der menschlichen Gesellschaft etc.), sondern beschränkt sich auf die Kultur.

Die Kultur wird ihre eigene Utopie.

Weltveränderung heißt jetzt: Verbesserung der Lebensweise – und zwar der eigenen Lebensweise; und das ist: Kultur (im Sinne von »sozialer Handlungsbereich, der individuell konsistent mit Sinn gefüllt werden kann, so dass er kollektiv verbindlich erscheint – zumindest für eine bestimmte Gruppe, die sich darüber ihrer gesellschaftlichen Bedeutung versichert«).

Es geht also nicht mehr darum, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx 1843/44), sondern um die Stabilisierung des Individuums als bürgerliches Subjekt.
Hier greift die postmoderne Ideologie. Widersprüche werden durch Veroberflächlichung kaschiert: das ernste, bedrohliche, weil die Integrität der Person aushebelnde Problem der Pseudoindividualität wird, wird spielerisch durch die These vom Tod des Subjekts übertrieben (eine These, die für die bürgerliche oder postbürgerliche Existenz überhaupt keine Konsequenz und Kohärenz hat).

Kulturlinke übernimmt, aber antizipiert auch teilweise das Prinzip »kommunikativer Virulenz«: Widersprüche werden »weggeredet«, diskursiviert. Über alles gibt es einen Diskurs.

Diskurs ersetzt Kritik.

In dieser Sendung der Freibaduniversität (September 2016) geht es nun um den Zerfall – beziehungsweise Auflösung in die Normalität – der so genannten Kulturlinken Ende der Neunziger, Anfang der Nuller bis heute: die Kulturlinke wird zur Kulturelite (oder vielmehr: die Kulturlinke möchte gerne Kulturelite sein; es gelingt ihr nur prekär, wenigstens partiell gesellschaftliche Deutungshoheit zu bekommen, wenn auch keine reale Verfügungsgewalt …).

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