Hallenbaduniversität
Dezember 2015

Kulturindustrie: Schöne neue Welt (Teil 2)

(Fortsetzung der Sendung vom 7. Oktober 2015 und zugleich: kleiner Jahresrückblick, Stichworte zum gegenwärtigen Antihumanismus etc.)

In der Sendung vom 7. Oktober 2015 wurde angekündigt, das Freibaduniversität-Jahresthema »Fünfzig Jahre 1965« noch einmal aufzunehmen – das ist nicht passiert. Stattdessen beschränkten sich die Ausführungen auf den Zusammenhang von Kultur, Politik und Konsum beziehungsweise Kulturindustrie und Bedürfnis (mit Blick schließlich auf Aldous Huxleys Roman ›Brave New World‹ von 1932, der bei den Arbeitsgesprächen von Adorno, Horkheimer, Marcuse u. a. zur kritischen Theorie der Bedürfnisse eine große Rolle spielte. Thesen dieser Diskussion um Bedürfnisse sind auch in die Kulturindustrie-Theorie mit eingegangen).
Heute geht es um die Fortsetzung dieser Überlegungen, systematisch und historisch – mit Blick auf die Entwicklungen der Nachkriegszeit, also 1950er ff.

Notizen
1.

In der Oktober-Sendung war die These: Kultur kann nun in einem politischen Sinne »Schein« sein, »falsch« sein. Man kann auch mit Beethovens Neunter Sinfonie Menschen umzubringen; und eben dies erscheint nicht mehr als Wiederspruch der Kultur, sondern tendenziell als Normalfall. – Auszuführen ist, inwiefern somit das Politische gleichzeitig ästhetisch verwässert, nämlich in ästhetischer Hinsicht uneindeutig, und die politische Ästhetik von der Politik entkoppelt wird.

2.

Noch einmal zu ›Brave New World‹, 1932.
Detlev Claussen, ›Geschichte ohne Klassenbewusstsein‹ (in: Hanno Plass (Hg.), ›Klasse · Geschichte · Bewusstsein. Was bleibt von Georg Lukács’ Theorie?‹, S. 161), mit Marx, Lukács und Adorno: »Ein Proletariat gibt es nur mit Klassenbewusstsein.« – Claussen bezieht sich hier auf den »Vexierbild« betitelten Aphorismus 124 in Adornos ›Minima Moralia‹, den er als »direkte Antwort auf ›Geschichte und Klassenbewusstsein‹, zwanzig Jahre später« (ebd., S. 160), versteht: »Als er [i. e. Adorno] allmählich einen Eindruck von den Vereinigten Staaten bekam, sagte er, dass die Klassenverhältnisse in den USA so offen zutage liege, gleichzeitig aber so unverschleiert mit dem Tauschmmechanismus zusammenhängen, dass sich eigentlich schon ein Scheinbild einer klassenlosen Gesellschaft herausbildet.« (Ebd., S. 160 f.)
Dieses Scheinbild ist ein Vexierbild, dass nun soziologisch hin- und hergewendet wird, wo die Menschen mal als Individuen, mal als Gruppen, mal als Rollentypen, mal als Konsumenten, gelegentlich durchaus auch als Arbeiter zu sehen sind – aber nicht als klassenbewusstes Proletariat.
So ergibt sich, gleich wie man das Bild »soziologisch« vexiert, der Schein einer klassenlosen Gesellschaft: die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsverhältnisse werden durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst tendenziell nivelliert, Antagonismen sind keine mehr der Verwertungslogik. Vor allem über den Konsum ist das gesellschaftliche Bewusstsein immer schon in die Gesellschaft integriert. Was Lukács 1923 in ›Geschichte und Klassenbewusstsein‹ darstellt, ist jetzt, Anfang des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten in der Ära des New Deal, nicht mehr virulent; das Klasseninteresse ist ersetzt worden durch die scheinbar potenzielle Befriedigung der Bedürfnisse: eine Scheinbarkeit, die nicht kraft der Realität konstatiert und aufrechterhalten werden kann, sondern allein aus der Logik dieser scheinbar ohne Weiteres möglichen Bedürfnisbefriedigung selbst, nämlich über den Konsum (Public Relations).

3.

Die Bedürfnisse werden funktionalisiert (Wohnen, Essen, Fast Food, Restaurants, Bistros, Backmischungen, Küchenhilfe, Brotschneide- und Sandwichtoaster-Maschinen [vgl. dazu die Fast-Food-Szene aus Steiners und Mumfords ›The City‹, 1939]). Diese Funktionalisierung wird zugleich »kultiviert«, indem die Bedürfnisse ästhetisch, also mit Geschmack rückgekoppelt werden.

4.

Immer wieder zeigt sich für die fortschreitende Entwicklung dieser Prozesse Richard Hamiltons Collage ›Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?‹ von 1956 als Blaupause.
Noch einmal: Ideologie verschmilzt mit dem System der Sittlichkeit, wird in die Bedürfnisbefriedigung integriert; das bedeutet, dass Bedürfnisse unter Bedingungen des Konsumkapitalismus nur innerhalb dieser Struktur, also über den Markt befriedigt werden können. Und das bedingt schließlich: Zur Befriedigung der Bedürfnisse gehört nicht nur das »befriedigende Produkt«, sondern sämtliche Handlungen des Konsumvorgangs. Insofern aber auch: Scheinbefriedigung der Bedürfnisse – denn für die Befriedigung ist es nicht einmal nötig, das eigentliche Bedürfnis zu befriedigen mit dem Produkt … Das gehört nunmehr zum Fetischcharakter der Ware.

5.

Die Subkultur hat das als Argument übernommen: dass die »Kultur« einfach nur besser sein muss, damit die Welt besser wird.

(Wird fortgesetzt …)

(3)