Hallenbaduniversität
Februar 2007

Geplatzte Vermittlung.
Zur Kritik der Medien
– Teil 1 –

Vorbemerkung

Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bilden Neue Medien, Pop, Postmoderne und die dazugehörigen theoretischen Derivate die kulturelle, technische und ideologische Architektur des Spätkapitalismus; zusammen mit Wörtern wie »Information«, »Kybernetik«, »Kommunikation« und dergleichen bestimmen sie den Ausdruckszusammenhang der Entwicklung von der fordistischen zur postfordistischen Gesellschaft bis in die Gegenwart. Pop, Medien oder Postmoderne werden dabei in je spezifischen Diskursformationen (nämlich Popdiskurs, Cultural Studies, Medientheorie, Postmoderne und Poststrukturalismus) als Paradigmen eingeführt. Dabei treten die Diskurse keineswegs parallel oder gemeinsam auf, auch wenn es zahlreiche Überschneidungen gibt, sondern erscheinen in einer gewissen zeitlichen Entwicklungsabfolge, zum Beispiel: Medienzeitalter (50er), Pop als Massenkultur (60er), Massenkultur in der Postmoderne (70er), Pop gegen Massenkultur (80er), Postmoderne und digitale Medienkultur (80er und 90er), allgemeine Popkultur nach der Postmoderne (90er), Medienpopkultur (ca. ab Mitte 90er), etc.

Spezifisch an diesen Diskursen ist eine Art »hermeneutische Redundanz«; das jeweils als Theorie oder Philosophie angewendete Verfahren ist induktiv, das heißt es wird von besonderen gesellschaftlichen Einzelphänomenen auf das Wesen der Epoche geschlossen; zugleich wird das Epochale selbst zum Wesen der Geschichte, während gleichzeitig Medien- und Poptheorien ebenso wie vor allem die Postmoderne in verschiedenen Varianten ein Ende der Geschichte vertreten, nämlich ein Ende der Chronologie und Kanonisierbarkeit von Geschichte (durch das Ende der von Marshall McLuhan so bezeichneten Gutenberg-Galaxis). Ein Ende als Zustand der Nachgeschichte beziehungsweise Posthistoire, ein Ende der von der Idee der Geschichte bestimmten Gegenwart, ein Ende der Entwicklungsfähigkeit der Moderne (entweder weil die sozialen Ziele vermeintlich erreicht wurden, oder weil sie sich als angeblich gar nicht erreichbar herausgestellt haben), ein Ende der Großen Erzählungen beziehungsweise Ende der Metaerzählungen. Nichtsdestotrotz setzen Medientheorie, Cultural Studies als Poptheorie und Postmoderne auf den narrativen Charakter der Geschichte; ausgehend von einer Neubestimmung der Literaturwissenschaft (Medientheorie, Cultural Studies und Postmoderne haben sich zunächst aus den Literaturwissenschaften entwickelt), wird Geschichte als Technik- und Kulturgeschichte, als Geschichte der Kulturtechniken neu erzählt.

Schon in den frühen Cultural Studies war, der gesellschaftskritischen Intention zum Trotz, das allgemeine kulturwissenschaftliche Verfahren angelegt: die Kulturalisierung des Sozialen. Sukzessive wurden in kulturtheoretischer Perspektive gesellschaftliche Verhältnisse – und zwar vor allem die materiellen Produktionsverhältnisse – zu kulturellen Verhältnissen, wurde durch einen erweiterten Kulturbegriff die Gesellschaft selbst zu einem einzigen kulturellen Komplex zusammengezogen; gleichzeitig wurde der ursprünglich materialistisch und konkret gedachte Kulturbegriff auf den idealistischen und abstrakten Kulturbegriff reduziert und verengt: Kultur wurde in Feldern und Koordinaten, in symbolischen Ordnungen und Signifikantenketten aufgelöst. Diese Kulturalisierung des Sozialen wurde in den neunziger Jahren durch das so genannte Popfeld ergänzt. Die konkrete Totalität des gesellschaftlichen Seins erschien jetzt vollständig durch das kulturelle Feld vermittelt; alle gesellschaftlichen Beziehungen, Auseinandersetzungen, Konflikte, Kämpfe und Proteste wurden innerhalb dieses kulturellen Feldes verortet und verhandelt. Kultureller Widerstand, Dissidenz oder Subversion bedeutete keine Politisierung der Kunst oder Ästhetik des Widerstands gegen repressive gesellschaftliche Strukturen, sondern eine Ästhetisierung der Politik zur kulturellen Verteidigung der eigenen Position innerhalb des kulturellen Feldes. Der Lifestyle als das kulturelle Privatinteresse, als Politik des guten Geschmacks.

Mit der Erweiterung und schließlich Ablösung der Kulturtheorie durch die Medientheorie, wie sie in den letzten fünfzehn Jahren verstärkt zu beobachten ist, folgt aus der Kulturalisierung eine Medialisierung: Das Mediale wird zu einer Art universellen Schlüssel unterschiedlichster Strukturbeziehungen innerhalb des kulturellen Feldes. Nicht nur werden gesellschaftliche Verhältnisse jetzt, wie tendenziell in den Kulturwissenschaften, nicht mehr in Frage gestellt, sondern sie sind überhaupt nicht Gegenstand der medientheoretischen Fragestellung. Aufgehoben wird damit die Kritik selbst: Innerhalb der Kulturwissenschaften, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelten, wurde die Kritik von Außen nach Innen gestülpt – aus der Kulturkritik wurde die kritische Verteidigung der Kultur; innerhalb der Medientheorie gilt hingegen der Bruch mit der vermeintlichen medienkritischen Position (Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Günther Anders) als konstitutiv für die Medienwissenschaft – Medientheorie beschäftigt sich mit Medien in grundsätzlich affirmativer Weise. Affirmativ ist selbst die Funktion von Kritik, die unter die positivistische Differenz von normativen und deskriptiven Urteilen subsumiert wird.

Medientheorien beschäftigen sich mit Pop im allgemeinsten Sinne als Popmusik, Popkultur, populäre Kultur, Massenkultur, Lebensweise, Lifestyle, Jugendkultur, Subkultur und dergleichen, sofern die damit bezeichneten Phänomene irgendwie als medial erscheinen. Die Bezeichnung »Pop« wird dabei kaum präziser verwendet als die Bezeichnung »Medium« oder »Medien«, gewinnt aber eine vermeintliche Schärfe dadurch, dass mittlerweile »Popgesellschaft« und »Medienzeitalter« als Etiketten für die Gegenwart akzeptiert sind und sich deshalb in der alltagssprachlichen Verwendung von »Pop« und »Medien« eine Schnittmenge ergibt, in der die entsprechenden Gegenstände in assoziativer Weise selbstreferenziell, aber effektvoll hervortreten: Pop, Medien, Popmedien – das sind in der Regel technisch (zumeist: mikroelektronisch) hoch entwickelte, apparathafte (etwa: kybernetische), »kommunikative«, also symbolisch organisierte Vermittlungsprozesse im erweiterten Bereich der Massenkultur. Als Medien gelten dabei vor allem die Neuen Medien (Kino, Fernsehen, Zeitung, Schallplatte, Telefon …), die sich im Kontext der Popkultur zu den Neusten Medien (Erlebnis- bzw. Großraumkino, Musikfernsehen, Computer, Mp3-Player, multifunktionale Mobiltelefone …) weiterentwickelt haben.

Die ohnehin diffuse Bezeichnung Pop wird so mit einem diffusen Verständnis von Medien kompatibel und identisch gemacht; zugleich werden die Bezeichnungen Pop und Medien auf immer mehr Bereiche der gegenwärtigen Gesellschaft ausgedehnt und verallgemeinert (ohne damit aber Allgemeines zu begreifen): Pop wird immer mehr vom ästhetischen Material und von der künstlerischen Produktion entkoppelt und in ein immaterielles Zeichensystem, schließlich in ein digitales Zahlensystem übersetzt. Die Gesellschaft wird zum abstrakten Modell, die konkreten Beziehungen der Menschen immaterialisiert. Die materiellen Bedingungen der Produktion sind aufgelöst in Feldern, Koordinaten, Systemen, oder werden schlichtweg theoretisch annulliert.

(2)