Barfuß durch Hiroshima

Als am 6. August 1945, um 8:15 Uhr morgens sechshundert Meter über Hiroshima die Atombombe detonierte, war der damals sechsjährige Keiji Nakazawa einen guten Kilometer vom Hypozentrum entfernt in der Schule. Im Schutz einer Betonmauer überlebt Nakazawa die grausame Hitzewelle, die über die japanische Großstadt hinwegfegt. Sein Vater, sein jüngerer Bruder und seine ältere Schwester kamen ums Leben. Seine damals schwangere Mutter stirbt 1966 an den Folgen der nuklearen Strahlung. Nakazawa selbst leidet seitdem an Leukämie. Mit zweiundzwanzig Jahren geht Nakazawa nach Tokyo und beginnt dort als professioneller Zeichner zu arbeiten, ab 1963 werden seine Comics im Monatsmagazin ›Shônen Gaho‹ veröffentlicht.

1968 bestimmen auch in der japanischen Gesellschaft die Studentenproteste das politische Klima; auch hier regt sich eine außerparlamentarische und gleichwohl sozialistisch orientierte Opposition gegen die Regierung. Bis dahin wurde die Bombe verdrängt, galt als Tabu auch der japanischen Gesellschaft (die amerikanische Besatzungsbehörde hatte ohnehin schon am 19. September 1945 eine offizielle Nachrichtensperre verhängt und jede Berichterstattung verboten). Nun, zwanzig Jahre später, ist nicht nur die Atombombe Thema, sondern auch die Rolle des faschistischen Japans im Zweiten Weltkrieg, die Unterdrückung der Bevölkerung durch das kaiserliche System. Nakazawa veröffentlicht die ersten Geschichten, die sich mit der Bombe, mit seiner Erinnerung an die Bombe und ihre Folgen auseinandersetzen. 1972 erscheint ›Hadashi no Gen‹ im ›Shûkan Shônen Jump‹, dem meistverkauften Manga-Magazin. Das große Comicwerk erzählt die Geschichte von Gen, der den Bombenabwurf erlebt und überlebt. Nakazawa erläutert den Titel, der wörtlich übersetzt ›Der barfüssige Gen‹ lautet: »Das Schriftzeichen, mit dem sich der Name der Hauptfigur Gen schreibt, hat mehrere Bedeutungen im Japanischen. Es kann für ›Ursprung‹ oder ›Wurzel‹ stehen, aber auch für ›Element‹ im Sinne eines chemischen Elements oder für eine ›Quelle‹ von Glück und Vitalität. Ich nannte meinen Helden ›Gen‹ in der Hoffnung, dieses Zeichen möge eines Tages für das ›gen‹ in ›Ningen‹ stehen, das japanische Wort für ›Mensch‹.«

Gen ist das Alter Ego Nakazawas; die in zahlreiche Sprachen übersetzenden und nun endlich auch komplett auf Deutsch vorliegenden Bände des Comicwerkes sind allerdings mehr als eine Autobiografie. Sie sind vielleicht das bedeutendste literarische Zeugnis vom Scheitern der Moderne, die sich in der bürgerlichen Ideologie des unaufhaltsamen Fortschritts manifestierte. Die vier Bände sind auch deshalb das bedeutende Zeugnis, weil sie die Katastrophe in einem Medium vermitteln, das selbst zur Geschichte des 20. Jahrhunderts dazugehört: als Comic. Vor dem Fernsehen waren Comics das kulturelle Leitmedium; die besondere Tradition der Bilderzählung hat sich als Manga fest in der literarischen Kultur Japans etabliert. Gleichwohl sind Comics Massenkultur, und als solche stehen sie in durchaus problematischer Beziehung zur kapitalistischen Massengesellschaft, die immerhin auch die Mittel der Massenvernichtung hervorgebracht hat.

Die Massenvernichtung durch die Bombenabwürfe am 6. und 9. August 1945 markiert indes auch eine Zäsur im Verhältnis von Masse und Individuum; die Massenvernichtung war ebenso eine Auslöschung der Individualität. Die Ästhetisierung der Politik, nämlich die Inszenierung der Massen im Krieg, in der Zerstörung, bedeutet gleichwohl ein Versagen der bisherigen ästhetischen Mittel, den Terror des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck zu bringen. Der Philosoph Theodor W. Adorno hat dies in dem berühmten Satz formuliert, dass ein Gedicht nach Auschwitz zu schreiben, barbarisch sei. Sein Kollege Günther Anders konstatierte Ähnliches für die Unmöglichkeit, Hiroshima etwa zum Gegenstand der Musik zu machen, wie es Luigi Nono tat. Angesichts des Grauens versagen die Mittel, die bisher dem Ideal der Schönheit vorbehalten waren. Sind diese Ideale allerdings durch die Kulturindustrie ohnehin beschädigt, nämlich nur noch Ideologie, fragt sich, ob nicht gerade die Massenkultur den Weg bereitet, das Grauen doch noch mit künstlerischen Mitteln begreifen zu können. Vor einigen Jahren gab es diese Kontroverse bereits mit den ›Maus‹-Comics, in denen der Underground-Zeichner den Art Spiegelman die Erfahrung des systematischen Massenmords an den Juden zum Thema macht. Zu ›Barfuß durch Hiroshima‹ schreibt Spiegelman: »Die Menschen, die durch die Ruinen von Hiroshima stolpern und dabei ihre geschmolzene Haut hinter sich herziehen, das brennende Pferd, das voller Panik durch die Straßen gallopiert, oder die Maden, die aus den Wunden im zerfetzten Gesicht eines Mädchens hervorkriechen, werde ich nie vergessen. Das Trauma der Bombe wird in ›Barfuß‹ mit schonungsloser Direktheit thematisiert.«

Was zu dieser Direktheit dazugehört, ist Nakazawas Politik: seine Kritik nicht nur der Bombe, sondern vor allem auch die Kritik am militaristischen Nationalismus Japans, der seinen wesentlichen Anteil an der Vernichtung der Bevölkerung hat. Noch immer plädiert Nakazawa für die Abschaffung der Monarchie. Sie führte einen Vernichtungskrieg, auch in Hinblick auf den Ausnahmezustand des Kriegsalltags. In den Comics beschreibt Nakazawa nicht nur den Tag des Bombenabwurfs, sondern ebenso die grausame Isolation und Diskriminierung, die die Opfer durch ihre eigenen Landsleute erfahren haben: Sie galten als Aussätzige, Ausgestoßene, warteten oftmals einfach nur auf ihren Tod, achtlos abgeschoben und ignoriert. Das zwei Jahre nach dem Abwurf in Hiroshima begangene Friedensfest war eine groteske, fröhliche Feier des Vergessens. Und noch immer ging es ums Überleben: neben der Strahlengefahr bestimmte Hunger den Alltag der Menschen. Weizen ist die kleine Allegorie, die Nakazawa nutzt, um seiner Erinnerung Halt zu geben: mit dem selbst gepflanzten Weizen beginnt die Geschichte, mit dem sich wieder aufrichtenden Weizen endet sie. Der Weizen steht für die Hoffnung, die Nakazawa sich zum ästhetischen Duktus seiner monumentalen Bildgeschichte gemacht hat. Und Hoffnung heißt Erinnerung der Vergangenheit, um ihre Spuren zu erkennen, die bis in die Gegenwart reichen.

[Text zuerst in: ›Neues Deutschland‹, 6./7. August 2005. Die Coverabbildung ist eine erste deutsche, aus dem Englischen und Japanischen von Hans Kirchmann und Kumiko Yasui übersetzte Ausgabe des Comics, die 1982 bei Rowohlt erschienen ist.]

Keiji Nakazawa, Barfuß durch Hiroshima. Kinder des Krieges (1), mit einem Vorwort von Art Spiegelman, aus dem Japanischen von Nina Olligschläger, Carlsen Comics Verlag: Hamburg 2004, 300 S. brosch.

Keiji Nakazawa, Barfuß durch Hiroshima. Der Tag danach (2), aus dem Japanischen von Nina Olligschläger, Carlsen Comics Verlag: Hamburg 2005, 252 S. brosch.

Keiji Nakazawa, Barfuß durch Hiroshima. Kampf ums Überleben (3), mit einem Interview, aus dem Japanischen von Nina Olligschläger, Carlsen Comics Verlag: Hamburg 2005, 260 S. brosch.

Keiji Nakazawa, Barfuß durch Hiroshima. Hoffnung (4), mit einem Interview, aus dem Japanischen von Nina Olligschläger, Carlsen Comics Verlag: Hamburg 2005, 288 S. brosch.

(9)