Bück Dich hoch!

Vorneweg:

»An die Stelle einer Oikodizee, eines verbindlichen Diskurses zur Vernünftigkeit, Nützlichkeit und letztlich Meta-Ethik des Kapitalismus (aus der Gier der Vielen wird die Gerechtigkeit des Ganzen) tritt eine neue Verbindung von Ökonomie und Unterhaltung. Das Zerbrechen der ›großen Erzählung‹ des Marktes – als letzter und größter der großen Erzählungen – hinterlässt einen gewaltigen Scherbenhaufen aus Anekdoten, Metaphern, Novellen, Bewegungsbildern, Serien, Shows und Riten.« – Markus Metz & Georg Seeßlen, ›Kapitalismus und Spektakel‹ (Berlin 2012, S. 9)

Es ist wieder mal an den Engel der Geschichte zu denken, den Benjamin nach einem Bild von Paul Klee in seinen geschichtsphilosophischen Thesen beschreibt: Er steht vor einem Trümmerhaufen, möchte die Trümmer zusammenfügen, kann das aber nicht, weil sich der Sturm in seinen Flügeln verfangen hat und ihn unaufhaltsam in die Zukunft forttreibt. Der Sturm weht vom Paradies her, ist Fortschritt etc. – Entscheidend und auch gerne übersehen bei dieser Allegorie: Dass nicht wir Menschen der Engel sind, sondern dass wir abseits von diesem Geschichtsfluss stehen und statt des Trümmerhaufens lediglich eine Kette von Begebenheiten sehen – also nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, nichts, was Einhalt gebietet, nichts, was auf eine Gefahr, ja Katastrophe hindeutet. Und genau das: das Ignorieren, das strukturelle Verkennen der fatalen Logik der Geschichte, dass das »so weiter« geht, ist die Katastrophe (alles jetzt mehr oder weniger in Benjamins Worten formuliert).
Zu prüfen ist, ob das auch so für die gegenwärtige Lage gilt, für den Scherbenhaufen, den Metz und Seeßlen beschreiben: Auch hier scheint es so zu sein, dass die »Anekdoten, Metaphern, Novellen, Bewegungsbildern, Serien, Shows und Riten« eben nicht als eine riesige Sondermüllhalde, die Boden und Luft verpestet, erscheinen, sondern als eine »Kette von Begebenheiten«, die sich mehr oder weniger als das tagtägliche Kulturprogramm wiederholt – im Fernsehen, im Theater, im Feuilleton, auf den Bestsellerbüchertischen und in den Playlists …

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›Blödmaschinen‹ greift in die Dialektik der Aufklärung ein; und: Blödmaschinen sind Erweiterungen dessen, was Adorno und Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ dargestellt haben. Insofern könnte das Buch als Missing Link zwischen Kulturindustrieabschnitt und Schlussaphorismus über die ›Genese der Dummheit‹ verstanden werden.
Da ›Blödmaschinen‹ knapp achthundert Seiten hat und somit nach Form-Inhalt-Relation und auch Preis-Leistungs-Verhältnis besser als jeder Krimi-Bestseller in das Pauschalurlaubs-Handgepäck passt, lässt es sich gut am Strand lesen. Bei um die 30 °C ist man in einer Woche durch.
Dazu: Deichkind hören.

  • Markus Metz & Georg Seeßlen, ›Blödmaschinen. Die Fabrikation von Stupidität‹, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2011, 782 S. brosch.

Sowie, zum Thema:

  • Markus Metz & Georg Seeßlen, ›Kapitalismus und Spektakel. Oder Blödmaschinen und Econotainment‹, Suhrkamp: Berlin 2012, 88 S. brosch.
  • Markus Metz, Georg Seeßlen, ›Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet‹, mit einer Bilderspur von Ute Richter, Suhrkamp: Berlin 2014, 496 S. brosch.

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