Kollektiv neurotisch

Zur Verlagsseite (mit Leseprobe und Interview mit Kohlross): hier.

»Genau genommen ist es nicht eine, sondern sind es einige Neurosen, unter denen der Wes- ten leidet: Narzissmus, Depression, Zwang und Hysterie kennzeichnen derzeit den Zustand des Westens, seine Stimmungslage und das politische Handeln, das sich daraus ergibt.

Gesellschaften sehen sich mit dem im Grunde unlösbaren Problem konfrontiert, individuelle und kollektive Bedürfnisse in Übereinstimmung zu bringen. Zwangsläufig entsteht dadurch auch Frustration, diese ruft Abwehr, also Bewältigungsmechanismen, auf den Plan. Die Persönlichkeit einer Gesellschaft bestimmt sich aus der Art der gewählten Bewältigungsmechanismen. Eine kollektive Störung oder Neurose liegt dann vor, wenn nicht die Außenwelt, sondern die internen Formen der Frustrationsbewältigung die Lösung von Problemen behindern und Leidensdruck hervorrufen.« – Aus dem Interview mit Christian Kohlross.

Erste Notiz: Kollektiv neurotisch korrespondiert mit individuell normal: Wenn Verhaltensweisen, die klinisch betrachtet durchaus als pathologisch, als Störungen beschrieben werden können, gesellschaftlich befördert werden, und zwar derart, dass sie auf den Charakter der Gesellschaft wie eben auch den Gesellschaftscharakter zurückwirken, ihn sogar gleichsam konstituieren, dann erscheinen diese Verhaltensweisen unter Umständen der großen Masse der Einzelnen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, als völlig normal – und das auch dann, wenn sie unter Umständen gerade unter diesen Verhaltensweisen leiden, wenn sich diese Verhaltensweisen also durchaus in ihrer individuellen Verfassung als eben pathologisch darstellen …

Besprechung folgt (rb, 3|2017).

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