Aus dem Paralleluniversum des Progressivrock

Zum dreißigsten Bandjubiläum touren Yes einmal wieder in neuer Besetzung

Den meisten Hörern bedeutet die Gruppe Yes heute nicht mehr als ein Kuriosum. Einst als Superband des Progressivrock angesehen, werden sie heute hauptsächlich noch als Produzenten schrecklichen Kitsches erinnert – oder als begnadete Virtuosen. Dies ist freilich vor allem dem exzentrischen Auftreten des Keyboarders Rick Wakeman zu danken. Tatsächlich folgten die vermeintlichen Soli schon immer einem strengen Arrangement; Improvisationen irgendeiner Art waren in der Musik von Yes kaum jemals vorgesehen. Gerade die Keyboards wurden stets zurückhaltend, zwar tragend, aber selten melodieführend eingesetzt. Und der größte Hit der Gruppe, “Owner of a Lonely Heart”, war ein stilistisch äußerst untypischer Popsong, der 1983 von Trevor Horn zum Erfolgsschlager zurechtproduziert wurde – zu einer Zeit, als der sonst prägende Wakeman der Band gar nicht angehörte.

Denn ein ständiger Personalwechsel hat das Erscheinungsbild von Yes immer geprägt. Insgesamt kommt man auf vierzehn Musiker, die irgendwann einmal dazugehört haben. Auch zum dreißigjährigen Jubiläum tourt die Band jetzt nicht nur mit neuem Tonträger, sondern auch in einer neuen Besetzung: Chris Squire (Bass), Jon Anderson (Gesang), Steve Howe (Gitarre), Alan White (Schlagzeug) treten mit Billy Sherwood (Gitarre) und Igor Khoroshev (Keyboards) am heutigen Abend in der Columbiahalle auf. Die Versuche, ein Massenpublikum zu erreichen, hat die Band inzwischen jedoch wieder aufgegeben. Mit den beiden Doppel-CDs “Keys to Ascension” präsentierten sie im letzten Jahr noch einmal ihr Repertoire aus den Siebzigern, von “Roundabout” über “Close to The Edge” bis “Awaken”. Diese Werkperiode ist bei den alten Fans zweifellos am beliebtesten. Wohl deswegen versucht auch das neue Konzeptwerk “The Ladder” – benannt nach einem Lennon/Ono-Album -, an alte Muster progressiver Rockmusik anzuschließen. Die Stücke sind wieder länger geworden und füllig instrumentiert. Zwar gibt es ein paar Weltmusik-Phrasen und es werden Bläser eingesetzt, doch glaubt man beim Hören, Yes hätten gerade jene musikalischen Entwicklungen versäumt, die sie selbst dereins inspirierten: Igor Khoroshev hat sich mit seinen Vorlieben für die Chemical Brothers und den Big Beat nicht durchsetzen können.

So bleibt das Innovativste ein spröder Technoremix von “Owner of a Lonely Heart” (auf der 1999 veröffentlichten Doppel-CD “Friends and Relatives”). Ob dergleichen im Konzert zu hören sein wird, ist fraglich – wahrscheinlich wird “The Ladder” präsentiert, sicher werden den Fans einige der klassischen Rockepen geboten: Eine gute Gelegenheit immerhin, noch einmal nachzuvollziehen, was den Reiz dieser Musik einst bestimmte – und weshalb das Unzeitige, fast Regressive sich gerade in den Art- und Progressivrock-Ansprüchen immer schon paradox eingeschlossen hat.

Man kann darin leicht Parallelen zur Spätromantik wie zum Neoklassizismus erkennen. Beiden Epochen sind Yes geistig verbunden: Es ist kein Zufall, dass sie ihre Konzerte gern mit dem Finale aus Strawinskys “Feuervogel” eröffnen. Yes kultivieren eine Melange aus Wiedertäufertum, Illusionismus und Größenwahn – christliche Mystik umrahmt ein Geflecht aus musikalischen Einfällen und Klangeffekten. Selbst die Zwanzigminutenstücke gebrauchen in ihren zentralen Passagen nicht mehr als drei oder vier Akkorde. Und trotzdem hat keine andere Band so perfekt das Paralleluniversum einer vollständigen popkulturellen Utopie errichtet – einschließlich der bizarren Fantasielandschaften, die nach wie vor die CD-Hüllen zieren.

Yes: The Ladder (Eagle Rec.); Friends and Relatives (Eagle Rec.); Keys to Ascension 1 & 2 (Castle Com.); Something s Coming – The BBC-Recordings 1969-1970 (New Millennium Com.) Konzert: heute Abend um 20 Uhr in der Columbiahalle

Bandbiografie: Chris Welch: Close to The Edge. The Story of Yes. Omnibus Press, London 1999. 280 S.

Roger Behrens | Artikel erschienen in der Berliner Zeitung, 16. März 2000

(3)