Rolf Wiggershaus über Theodor W. Adorno*

Mehr als eine gute Biographie

»Adorno war Philosoph, zugleich jedoch Soziologe und Psychologe und einer der größten Kenner der Musik in der Gegenwart, selber Komponist«, sagte Horkheimer einst über seinen Kollegen. Das umfangreiche Schaffen Adornos ist schwer in einem Buch unterzubringen. Wiggershaus hat mit seiner Adorno-Biographie jedoch gezeigt, dass es geht. Er legt ein Werk vor, dass sowohl dem Laien, als auch dem Fachkundigen Einblick in das viele Bereiche umfassende Schaffen Adornos gibt, ohne sich in Anekdoten zu verlieren.
Wiggershaus’ biographische Abhandlung teilt sich in die drei großen Forschungsbereiche Adornos: Philosophie, Soziologie und Kunst. Die von Wiggershaus vollzogene Dreiteilung des Adornoschen Werkes ist jedoch nicht verkürzend; vielmehr orientiert sie sich an bio- graphisch markanten Punkten im Leben Adornos, und die einzelnen, in sich abgeschlossenen Kapitel scheinen eher eine Hilfe zu sein, sich mit Wiggershaus’ sekundärliterarischem Buch durch Adornos vielschichtiges Werk zu schlagen. Während die Beschreibung Adornos in Wiggershaus’ Buch, ›Die Frankfurter Schule‹, historischer und eine Beschreibung des Werdegangs Adornos ist – sicherlich zugunsten einer komplexen Darstellung der Entwicklung der Frankfurter Schule – ist Wiggershaus’ Adorno-Biografie inhaltlich, systematisch orientiert. Ausgangspunkt ist der Philosoph Adorno, der in seiner Studentenzeit die Idee des Nichtidentischen entwickelt und diese dann schließlich in der ›Negativen Dialektik‹ konkretisiert. Den zweiten Teil widmet Wiggershaus Adornos, an empirischer Sozialforschung orientiertem, Werk über den autoritären Charakter, leitet damit aber gleichzeitig den Positivismusstreit ein. Der dritte Teil behandelt den Kunstphilosophen und Ästhetiker Adorno.

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Widerspruch Heft 16/17

Jeder und jede Adorno-Lesende weiß von den scheinbaren Widersprüchlichkeiten, die sich durch die Sprache Adornos beim Lesen stellen; Wiggershaus umgeht durch ein immanentes Fragen und Antworten an Adorno diese Schwierigkeit der Adorno-Rezeption. Allerdings bleiben auch Fragen offen: auch Adorno habe in Sachen Theorie nicht das letzte Wort gesprochen. Mit dem Herausstellen der offenen Fragen in Adornos Werk trifft Wiggershaus – gewollt oder nicht – die Fragen der Zeit, stellt Fragen des Mensch-Natur Verhältnisses, der Produktivkraftentwicklung, des Massenbetrugs in Adornos Sinne als Desiderat heraus, bei dem Adorno selbst nur die Präliminarien lieferte; ein verborgener Hinweis, Adorno nicht nur aus philosophiegeschichtlichem Interesse zu studieren.
»Sehr vage und uneinheitlich bleiben Adornos Hinweise zum Problem des Verhältnisses zwischen Formen des Umgangs mit äußerer Natur …« (S. 54), wie Wiggershaus zum Beispiel auf Adornos stellenweise unzulänglichen Begriff der »naturverfallenen Naturbeherrschung« verweist. Diesbezüglich richtet Wiggershaus einen großen Augenmerk auf Adornos These von der »Freiheit zum Objekt durch ein Mehr an Subjekt« (S. 40 ff.). Ebenso aktualisiert Wiggershaus den schon erwähnten Begriff des »Nichtidentischen«, ohne auf die ›Negative Dialektik‹ beschränkt zu bleiben. Damit wird Wiggershaus auch dem absichtlichen Fehlen eines Programms kritischer Theorie gerecht.
Ebenfalls mit Fragen durchzieht Wiggershaus seine Darstellung des kulturkritischen und ästhetischen Werkes Adornos. Mit Fragen wie: »Woher nahm er z.B. die Gewissheit, dass nur noch gegenstandslose Malerei möglich sei« (S. 120), weist Wiggershaus, wohl auch wieder ungewollt, auf die Aktualität Adornos in der momentan z. B. in der ›Zeit‹ geführten Diskussion über moderne Kunst hin. Auch versäumt Wiggershaus nicht, die Tatsache ausreichend zu behandeln, dass Adorno selber komponierte und die Kompositionen, die unbekannt blieben, mit- verantwortlich sind für sein musiktheoretisches Schaffen. Ähnlich wie in ›Die Frankfurter Schule‹ greift Wiggershaus hier auf Archivmaterial zurück, das auch dem Eingeweihten noch Neues bieten dürfte.
Zu kurz kommt allerdings das Verhältnis Adornos zu anderen Instituts-Mitgliedern. Marcuse wird ganz außen vor gelassen, von der so genannten 2. Generation der Frankfurter Schule erwähnt Wiggershaus nur Habermas, auch nur, um Adorno zu erklären. Trotzdem bleibt dieses Buch mehr als bloß eine gute Biographie.

* Anmerkung: Dieser Text ist die Originalfassung meiner ersten Buchbesprechung, die 1989 im ›Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie‹, Heft 16/17, erschienen ist; PDF: hier.
Revidierte Fassung: hier.

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