Wir entdecken einen Stern

›Wir entdecken einen Stern‹ heißt dieses wunderschöne Kinderbuch, das von Hannes Hüttner geschrieben und Rainer Sacher illustriert im Berlin der DDR Anfang der achtziger Jahre verlegt wurde; und der Stern, der hier entdeckt wird, ist die Erde: »Die Erde ist ein Stern, der um die Sonne kreist« (der einzige Fauxpas in diesem Buch, da bekanntlich die Erde kein Stern – wie etwa die Sonne – ist, sondern ein Planet), »es begleitet sie der bleiche Mond« (S. 3).
Mit diesen beiden Sätzen beginnt das Buch, hebt dann an mit der Genesis, die historisch-materialistisch gewendet erzählt wird: »Dies ist die Erde, auf der wir leben. Sie hält uns fest: die Menschen und ihre Städte, die Tiere und Pflanzen, Wasser, Wind und die weißen Wolken am blauen Himmel. Wie ein bunter Riesenkreisel dreht sich die Erde in der schwarzen Weite des Weltalls. Es wird Tag und Nacht und wieder Tag auf ihr.« (S. 3)
Die Illustrationen – jede Doppelseite hat zum Text ein großes Bild – zeigen, wer die Geschichte dieser Entdeckungsreise erzählt: Es ist ein außerirdisches Wesen, das mit seinem Raumschiff die Erde besucht – klein wie ein Kind, freundlich und neugierig, mit wachsen Sinnen und einem roten Raumanzug bekleidet. Das Wesen trägt gelbe Stiefel, gelbe Handschuhe und einen gelben Helm mit Antenne und buntem Schmetterlingsemblem.
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Das kleine freundliche Wesen mit seinem roten Raumanzug und seinem gelb-bunten Schutzhelm, das zu Beginn der Entdeckungsreise mit einem Fallschirm auf die Erde beziehungsweise ins Bild gleitet (auf dem Bild am Horizont: ein Regenbogen) führt nicht nur durch die Geschichte, sondern repräsentiert zugleich die jungen Leserinnen und Leser des Buches. Mithin ist es eine Kind gewordene Gottgestalt, wirkt wie die naive Version von David Bowman aus ›2001‹.
Das erzählte und illustrierte sozialistische Ideal erscheint am Ende wie die historische Aufhebung vom Reich der Notwendigkeit im Reich der Freiheit. Ein Traumreich. »Fast alles Land der Erde ist von Menschen besiedelt. Sie haben Tiere gezähmt und Pflanzen gezüchtet, Krankheiten ausgerottet und Wüsten in Ackerland verwandelt. Sie müssen sich um die Erde kümmern und dafür sorgen, dass alles im Frieden gedeihen kann.« (S. 73) Mit diesen Schlussworten steigt das freundliche Wesen wieder in sein Raumschiff und fliegt davon durch die Weiten des Weltalls, vorbei an Venus und Mars, Richtung Saturn … (Vgl. Wolfgang Bock, ›Die Rettung der Nacht‹, Bielefeld 2000.)
›Wir entdecken einen Stern‹ – ist das jetzt schlechterdings eine Lüge, mit der Kinder um die Welt, die erst noch in Ordnung gebracht werden müsste, betrogen werden? Oder ist es ein freundlicher Versuch – so freundlich wie das außerirdische, über-menschliche (nämlich immer auch einsame) Wesen –, nicht nur die Kinder, sondern auch sich selbst an den Auftrag des realen Humanismus zu erinnern, die Welt zu reparieren (tikkun olam) und zu dem zu machen, was Ernst Bloch zum Ende von ›Prinzip Hoffnung‹ mit dem schweren wie schwierigen Wort »Heimat« benennt, eben als konkrete Utopie, die »allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war« (Ernst Bloch, ›Das Prinzip Hoffnung‹, Ffm. 1973, S. 1628)?

[Wird fortgesetzt bzw. ergänzt.]

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