»Das muffige Geschwür ›Etüde‹.« –
Adornos Träume

»Das muffige Geschwür ›Etüde‹.« – Adorno, aus einem Traum Frankfurt am Main, Juli 1965, ›Traumprotokolle‹, S. 80.

Am 26. Juni 1960 notiert Theodor W. Adorno während eines Aufenthaltes in Wien: »In der vorletzten Nacht träumte ich: es hätte an einem Tag tiefste Nacht geherrscht, zum ersten Mal seit Erschaffung der Welt wäre die Sonne nicht aufgegangen. Es hätte verschiedene Erklärungen gegeben, eine vom bevorstehenden Weltuntergang, eine, es wäre eine Atombombe über London explodiert und der damit entstandene Ruß hätte über die ganze Erde sich verbreitet und sie verdunkelt. Ich trat ins Freie und erblickte eine weite, hügelige, unermesslich friedliche Landschaft. Sie lag wie in einer Mond-Dämmerung, doch kein Mond war zu erblicken.« (S. 73)

Im Suhrkampverlag ist jetzt ein kleines Bändchen mit Adornos ›Traumprotokollen‹ erschienen: Aufzeichnungen von Träumen, die Adorno selbst zur Publikation in einem Buch vorsah, von denen neunzehn im Übrigen auch schon in die ›Gesammelten Schriften‹, nämlich in den letzten Band, dem Band 20, aufgenommen wurden. Die nun in der Reihe ›Bibliothek Suhrkamp‹ vorliegenden ›Traumprotokolle‹ umfassen knapp über einhundert notierte Träume aus der Zeit zwischen Januar 1934 bis zum 12. April 1969. Herausgegeben ist der Band von Christoph Gödde und Henri Lonitz – die auch die Herausgabe der Adorno-Nachlass-Schriften besorgen –, Jan Philipp Reemtsma hat ein Nachwort beigesteuert, in dem er versucht, Adornos Träume im Kontext des zwanzigsten Jahrhundert zu situieren.

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Mit 1900 ist das Erscheinungsjahr von Sigmund Freuds monumentaler Studie ›Die Traumdeutung‹ angegeben (tatsächlich erschien es bereits Ende 1899). Freuds ›Traumdeutung‹ ist als Jahrhundertbuch weitaus mehr als ein Grundlagenwerk der psychologischen Wissenschaften – es liefert zugleich den Schlüssel zu dem, was am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vom bürgerlichen Subjekt noch übrig ist, gibt Einblick in die innersten Kräfte der strukturellen Dynamik der gewaltigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die das zwanzigste Jahrhundert bestimmen.

»Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, dass es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und dass bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluss auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht.«1)

Mit diesen Worten beginnt Freud das erste Kapitel seiner Untersuchung und folgt derart dem Ziel der Psychoanalyse, »die Bewusstwerdung des Unbewussten«2) zu ermöglichen. Entscheidend ist erstens, dass der Traum in jedem Fall sinnvoll ist, dass jedem Traum und jedem Moment des Traums Bedeutung zukommt und also auch die Traumdeutung ein sinnvolles Unterfangen darstellt. Entscheidend ist zweitens, dass aber die Bedeutung des Traums sich nicht unmittelbar ergibt und Störungen oder Verzerrungen unterliegt, die aber in ihrer Struktur selber wieder sinnvoll und deutbar sind. Die Dynamik der Beziehung zwischen Bewusstsein und Unbewussten kann zwar pathologisch sein, ist jedoch damit ebenfalls logisch, bedeutsam. Diese logische oder eben pathologische Beziehung ist durch spezifische psychische Vorgänge der Verdrängung, Verschiebung beziehungsweise Unterdrückung geprägt. Zum Ende der ›Traumdeutung‹ formuliert Freud das folgendermaßen:

»… Der Traum beweist uns, dass das Unterdrückte auch beim normalen Menschen fortbesteht und psychischer Leistungen fähig bleibt. Der Traum ist selbst eine Äußerung dieses Unterdrückten; nach der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer großen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im Wachleben durch die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der Kompromissbildung Mittel und Wege, sich dem Bewusstsein aufzudrängen.«3)

Dem folgt ein lateinischer Vers von Vergil, der ursprünglich als Motto dem ganzen Buch voran stand, weil er – so Freud in einer Notiz – »das Streben der verdrängten Triebregungen andeuten soll«.4) Der Satz lautet auf Deutsch:

»Kann ich die höheren Mächte nicht beugen, bewege ich doch die Unterwelt.«5) Beziehungsweise wörtlich: »Kann ich die Oberen nicht beugen, so werde ich den Acheron [den Fluss der Unterwelt] bewegen …«

Und dann heißt es – eingefügt in der zweiten Auflage der ›Traumdeutung‹ von 1909 – in einer berühmt gewordenen Formulierung:

»Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben.«6)

Die »Via regia«, das ist der Königsweg – also eine Altstraße, durch die im römischen Reich die wichtigen Städte miteinander verbunden waren. Solche Straßen standen unter Königsbann und Friedensschutz; in der Regel waren es nicht befestigte Naturwege. Insofern bedeutet der Königsweg als Metapher einen unumgänglichen, und wenn auch sicheren, so doch nicht immer einfachen, das heißt unbefestigten, manchmal sandigen und staubigen Zugang. In ›Jenseits des Lustprinzips‹ von 1920 hat Freud dies noch einmal aufgegriffen und lapidar formuliert:

»Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigen Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten.«7)

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»Das Träumen ist nur eine Hieroglyphensprache, zu der mir der Schlüssel fehlt.« – Charles Baudelaire

Schon früh hat der 1903 geborene Theodor W. Adorno sich mit Freudschen Psychoanalyse und der Traumdeutung vertraut gemacht. In ›Der Begriff des Unbewussten in der transzendentalen Seelenlehre‹ – eine Schrift, die Adorno 1927 zur Habilitation einreichte, dann aber zurückzog – findet sich ein ganzes Kapitel über ›Die Erkenntnis des Unbewussten und die psychoanalytische Methode‹, in dem er sich mit Freuds Theorie auseinandersetzt. Seine Interpretation der Freudschen Theorie hat Adorno allerdings schnell revidiert und noch kurz vor seinem Tod – er stirbt 1969 – wiederholt kritisiert. So schreibt er in einem Brief an die späteren Herausgeber seiner ›Gesammelten Schriften‹, den diese in den »Editorischen Nachbemerkungen« vom Band 1 (in dem sich auch Adornos ›Begriff des Unbewussten‹ findet) zitieren: »der Hauptfehler« dieser Studie sei, so Adorno, »das von Anbeginn in Freud vorhandene materialistische Moment, das bei ihm durch den fundamentalen Begriff der Organlust bezeichnet wird, vernachlässigt« zu haben.8)

Dies hat Adorno dann mit seiner Habilitation ›Kierkegaard – Konstruktion des Ästhetischen‹ von 1931 nachgeholt: in der Siegfried Kracauer gewidmeten Arbeit über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der ja als Begründer der Existenzphilosophie gilt (er lebte im neunzehnten Jahrhundert von 1813 bis 1855) taucht bereits Marx als Materialist auf, der gleichwohl mit dem Fetischbegriff die Dynamik zwischen Bewusstsein und Unbewusstes zu erfassen ersuchte, und Adorno setzt sich mit eben dem auch in die Psychoanalyse hineinreichenden Problem der Innerlichkeit auseinander. Inspiriert ist das zudem von dem Religionsphilosophen Paul Tillich, bei dem Adorno sich mit dieser Schrift habilitiert: von Tillich übernimmt Adorno den einfachen, aber für damalige Zeit doch ziemlich weitreichenden Gedanken, dass das Innerliche auf die reale Welt zurückverweist, und gelangt so zu einer kritischen Darstellung der Philosophie Kierkegaards: das Spirituelle, also das Geistige ist mit dem Somatischen, dem Körperlichen vermittelt. In dem Kierkegaardbuch expliziert Adorno damit den Kunstbegriff seiner kritischen ästhetischen Theorie: Kunst hat immer ein Moment der Leibhaftigkeit. Das sind die materialistischen Momente, die in der Auflösung der idealistischen Philosophie, die sich im neunzehnten Jahrhundert durchsetzt.

Diese materialistischen Momente hat Adorno in späteren Beschäftigungen mit Freud hervorgehoben, insbesondere im Rahmen der Auseinandersetzung mit der so genannten revidierten Psychoanalyse, in der Adorno gerade die Freudsche Theorie um ihre kritischen Motive gebracht sah. Diese Auseinandersetzung fällt in die späten vierziger und frühen fünfziger Jahre. Aus dieser Zeit sind auch die meisten der Träume, die Adorno notiert hat und als eigenständige Publikation unter als ›Traumprotokolle‹ zu veröffentlichen gedachte. Drei hatte er bereits unter dem Titel ›Träume in Amerika‹ im damals in New York erscheinenden deutsch-jüdischen ›Aufbau‹ veröffentlicht; diese drei Protokolle wurden zusammen mit sechzehn weiteren im Anhangsband 20·2 der Gesammelten Schriften Adornos von Herausgeber der Adornoschriften Rolf Tiedemann aufgenommen.

»Die Traumprotokolle, aus einem umfangreichen Bestand ausgewählt, sind authentisch. Ich habe sie jeweils gleich beim Erwachen niedergeschrieben und für die Publikation nur die empfindlichsten sprachlichen Mängel korrigiert.« (S. 88)9)

Das als Anweisung beachtet, liegen nun in einer kleinen gebundenen Ausgabe die ›Traumprotokolle‹ von Adorno als eigenständige Schrift vor. Zu seinem Vorhaben notiert Adorno 1956:

»Gewisse Traumerfahrungen geben mir Anlass zu vermuten, dass das Individuum den eigenen Tod als kosmische Katastrophe erlebt.« (S. 88)

Sowie:

»Unsere Träume sind nicht nur als ›unsere‹ untereinander verbunden, sondern bilden auch ein Kontinuum, gehören einer einheitlichen Welt an, so etwa wie alle Erzählungen von Kafka in ›Demselben‹ spielen. Je enger aber Träume untereinander zusammenhängen oder sich wiederholen, um so größer die Gefahr, dass wir sie von der Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden.« (S. 88)

Doch diese Gefahr ist dem Traumbewusstsein der Moderne ohnehin eingeschrieben, sofern in es kollektive Bilder eingehen. Wenn sich, nach der Darstellung Walter Benjamins, die Epoche in einem Traumschlaf befindet, dann ist das historische Bewusstsein Traum – dann handelt der kollektive Traum von der Geschichte. Dem liegen zwei Postulate zugrunde, die für eine materialistische Traumdeutung von höchstem Interesse sind, auch wenn oder gerade weil sie sich zu widersprechen scheinen: Einerseits notiert Benjamin im ›Passagen-Werk‹: »Wir fassen den Traum 1) als historisches, 2) als kollektives Phänomen.«10) Andererseits heißt es dort: »Das träumende Kollektiv kennt keine Geschichte.«11) – Vermittelt ist das im sowohl kritischen Begriff der Geschichte, als auch im spezifischen Charakter des Traums in der Moderne: die Figur, zu der sich dies vermittelt, ist die »ewige Wiederkehr des Neuen«12) beziehungsweise »ewige Wiederkunft«. Denn in der Moderne, so Benjamin, fungiert »die ewige Wiederkunft als Alptraum des historischen Bewusstseins«.13)

Insofern ist der Traum als, wie Freud bemerkt, »Schibboleth der Psychoanalyse«14) auch Losungswort oder Erkennungszeichen der Moderne selbst. Und in diesem Sinne sind Adornos Traumprotokolle nun zu lesen …

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Zunächst finden sich in Adornos Träumen zahlreiche Bilder, Gedankenassoziationen und flüchtige Momentaufnahmen des Unbewussten, die mittlerweile dem kollektiven Gedächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts eingeschrieben sind. Zum Beispiel: H. G. Wells’ Roman ›Krieg der Welten‹, 1898 veröffentlicht, spielt in England; Steven Spielberg verlagert seine Verfilmung des Buchs von 2005 in die Vereinigten Staaten: In einer Szene nähern sich die Außerirdischenapparate mit ihren unheimlichen Rufen dem Hudson River. Dieses Bild lebt vom Unheimlichen, was dieser Stadtansicht vom Hudson eingeschrieben ist; selbst wer noch niemals in New York war, vermag schnell eine Vorstellung zu konstruieren – zur Hilfe kommen dafür etwa die zahlreichen Schwarzweiß-Fotografien, die den New Yorker Fluss weltberühmt gemacht haben. So mag nicht nur an die Fotografien, sondern – im Sinne der Unheimlichkeit eines Traumbildes – an diese Filmbilder von den nahenden Außerirdischen denken, wenn Adorno in New York in einem Traumprotokoll vom 30. Dezember 1940 notiert: »Da tutete es acht Uhr vom Hudson, und ich wachte auf.« (S. 11)

Das Unheimliche ist gewiss kein Archetyp, sondern Traumbewusstsein vom Katastrophischen, dem sich im bürgerlichen Zeitalter historische Erfahrung nicht mehr entziehen kann. Eineinhalb Jahre später, Ende Mai 1942, protokolliert Adorno in Los Angeles folgenden Traum:

»Ich träumte, ich solle gekreuzigt werden. Die Kreuzigung fand bei der Bockenheimer Warte, nahe der Universität [in Frankfurt am Main] statt. Der ganze Vorgang war frei von Angst. Bockenheim glich einem sonntäglichen Dorf, totenhaft friedlich, wie unter Glas. Ich betrachtete es auf dem Spaziergang zum Richtplatz mit der größten Aufmerksamkeit. Ich glaubte nämlich, aus dem Aussehen der Dinge an diesem meinem letzten Tag etwas Bestimmtes über das Jenseits entnehmen zu können. Ich erklärte aber zugleich, man müsse sich dabei vor vorschnellen Schlüssen hüten. Man dürfte sich etwa nicht dazu verleiten lassen, deshalb, weil in Bockenheim noch die einfache Warenproduktion herrsche, der dort noch geübten Religion objektive Wahrheit zuzusprechen. Im Übrigen hatte ich die Sorge: ob ich am Abend von der Kreuzigung zu einem großen, ungemein eleganten Diner, zu dem ich eingeladen war, beurlaubt würde, sah dem aber mit Zuversicht entgegen.« (S. 16)

Dazu passt der kleine Satz Paul Valerys, den Benjamin einmal zitierte: »Im Traume dagegen liegt eine Gleichung vor. Die Dinge, die ich sehe, sehen mich ebensowohl wie ich sie sehe.«15) Darüber hinaus ist dieser Traum aber nur ein Beispiel für zahlreiche protokollierte Todesdrohungen und Lebensgefahren, die Adorno mit in den Schlaf genommen hat:

Im Dezember 1964 notiert Adorno in Frankfurt am Main: »Die Welt sollte untergehen. Ich befand mich in frühester Morgendämmerung, in grauem Halbdunkel, unter einer größeren Menschenmenge auf einer Art Rampe, am Horizont Hügel. Alles starrte auf den Himmel. Halb im Bewusstsein zu träumen, fragte ich, ob denn nun die Welt wirklich untergehen werde. Das wurde mir bestätigt, so wie technisch versierte Leute reden, alle waren Fachleute. Am Himmel standen drei fürchterlich große, unmittelbar drohende Sterne, die ein gleichschenkliges Dreieck bildeten. Sie sollten kurz nach elf Uhr vormittags auf die Erde stoßen. Da ertönte aus Lautsprechern eine Stimme: um 8.20 wird noch einmal Werner Heisenberg sprechen. Ich dachte: das ist gar nicht er selbst, der den Weltuntergang kommentiert, nur die Wiederholung einer bereits mehrfach abgespielten Bandaufnahme. Mit dem Gefühl: genau so wäre es, wenn es wirklich geschähe, wachte ich auf.« (S. 79 f.)

Und im letzten Traum, den Adorno am 12. April 1969 protokolliert Adorno: »Habermas sagte mir, gleichsam auf seine psychoanalytische Erfahrung gestützt: es sei sehr gefährlich, innerlich dem sich zu überlassen, was mich bewege; daraus könne sehr leicht Krebs sich entwickeln.« (S. 87)

Tod, Krankheit, Katastrophe, Weltuntergang – die historische Gewalt des zwanzigsten Jahrhunderts reicht in die Zonen hinein, die von der Geschichte befreit sind: in den Traumschlaf. Auch für den, der der Mordmaschine des deutschen Nationalsozialismus entkam, sind solche Träume Schreckbilder der geschichtlichen Realität. Einmal träumt Adorno, er wäre in einem KZ (vgl. S. 68, 7. Juni 1957). Einmal taucht auch Hitler in der Schlafwelt auf (vgl. auch S. 21; 25. November 1942: »… nach Hitlers Sturz …«). Gleichwohl können solche Träume auch gerade im Makaberen eine Komik entfalten, wie etwa das Beispiel des Protokolls vom 16. April 1943 zeigt:

»Nächsten Dienstag hat der alte Hahn seinen 85. Geburtstag. Ich träumte: Was kann man denn dem alten Hahn zum 85. Geburtstag schenken, etwas, wovon er etwas hat. – Antwort: einen Führer durch das Totenreich.« (S. 30)

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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Durchrissen sind die Träume durch das geschichtliche Unheil. Jan Phillip Reemtsma erklärt dazu: »So sind diese Träume auch das präreflexive Cogito eines, dem beides, das Denken wie die Existenz und der Zusammenhang von beidem, sehr fraglich und fragil geworden ist: Es taucht das eigene Kinderbild als Schulderweis auf, so eindringlich, dass der fällige Hinweis, alles Schuldempfinden sei eben auch Aktualisierung kindlicher Schuldgefühle, ein wenig matt wirkt …« (S. 116) Hier wird die Wirklichkeit des Schlafenden zur Surrealität, ein »Zwischenreich von Trauer und Melancholie, das der Träumende durchschreitet …« (S. 116) Es kommt von daher nicht von ungefähr, dass die Surrealisten ungehemmter mit dem Traum, mit den Traumbildern umgehen. Gleichwohl schläft auch der Surrealist, wenn er träumt; er arbeitet nicht im Schlaf, wie Benjamin feststellte. Denn, so führt es Reemtsma aus: »Der Traum ist kein Subjekt. Er steht auch nicht im Dienste der Subjektivität, er ist Subjektivität.« (S. 102) Reemtsma argumentiert, der Künstler arbeite als Subjekt an der Verwandlung des Objekts, planvoll, gestaltend. Im Traum gebe es »kein Gegenüber des Objekts« (S. 102). »Darum kümmert sich der Traum nicht um die Qualität seiner Scherze. Er will keine guten Witze machen, weil er gar nichts machen will. Der Traum ist intentionslos, weil er Intention ist; darum können Träume weder gelingen noch misslingen.« (S. 102 f.) Indes: Reemtsmas Schlussfolgerung leuchtet nicht ein; im Gegenteil – gerade weil der Traum mit der Intention zusammenfällt, gelingt er immer, und zwar auch dort, wo er misslingt. Das hat der Traum im Übrigen mit dem Märchen gemein; und ein solches modernes Märchen hat Adorno auch in seinen Traumprotokollen festgehalten: Adorno träumt eine Idee für ein Filmdrehbuch, Los Angeles, 14. März 1948: »Ich hatte am Abend recht viel getrunken und wusste, dass ich auf den Sonntag mich ausschlafen konnte. So war es eine traumreiche Nacht. Ich erinnere mich an zwei Träume. Einmal: mir fiel ein Film-Manuskript ein, das ich Fritz Lang geben wollte (zu dem wir heute zum Lunch gingen). Es sollte heißen: The forgotten princess. Es handelte sich um eine Prinzessin, die in der gegenwärtigen Welt keinerlei Funktion mehr hat und völlig in Vergessenheit gerät. Sie wendet sich der Hotelbranche zu, macht allerlei Konflikte durch und heiratet schließlich einen Oberkellner. –« (S. 53)

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»Träume, die nicht gedeutet werden, sind wie Briefe, die nicht geöffnet wurden.« – Talmud

Nicht ungewöhnlich ist es, dass ein Großteil der Traumbilder sexueller, libidinöser Natur sind, oder problematische Liebesverhältnisse mit in den Schlaf genommen werden (vgl. etwa die sexuellen Träume, die wohl auch offene Wunschträume zu sein scheinen – November 1942, S. 20; 17. Dezember 1967, S. 84). Eine schaurig-schöne Wendung nimmt dieser Traum, notiert am 14. März 1946 in Berkeley: »In der Nacht, die der entscheidenden Auseinandersetzug mit Charlotte voranging, hatte ich einen Traum. Im Erwachen hielt ich dessen letzte Worte fest: ›Ich bin der Märtyrer des Glücks‹.« (S. 52)

Träume bewahren durchaus etwas vom Glück, von der Schönheit des Lebens, gerade wo sie sich der bekannten Wachwelt-Logik entziehen und somit Glück und Schönheit der Scheinwelt und dem Irrealen oder besser Surrealen überantworten. Dass Träume der Schlaferhaltung dienen, die Wächter des Schlafs sind, benennt keine bloß mechanistische Funktion. Allein schon das übliche Ende des Traums, der erste Moment des Bewusstseins von der Rückkehr in die Welt, die wir Wirklichkeit nennen, bezeichnet das: »… und dann erwachte ich …« Das ist die Negation der Logik des Zerfalls.

Dazu zum Schluss noch drei Träume von Adorno:

Adorno protokolliert am 14. April 1967: »A. sagte mir: ich bin jetzt 30 Jahre alt, aber ich sehe 28 Jahre jünger aus.« (S. 83)

Frankfurt, 10. September 1954: »Ich träumte, ich hätte an einer theologischen Diskussion teilgenommen, auch Tillich war dabei. Ein Redner entfaltet den Unterscheid von Equibrium und Equilibrium. Jenes sei das innere, dieses das äußere Gleichgewicht. Die Anstrengung, ihm zu beweisen, dass es Equibrium überhaupt nicht gebe, war so groß, dass ich darüber erwachte.« (S. 61)

Frankfurt, 18. September 1962 – »Ich hielt ein Exemplar der gedruckten Passagenarbeit von Benjamin in den Händen, sei es, dass er sie doch vollendet, sei es, dass ich sie aus den Entwürfen rekonstruiert hatte. Liebevoll las ich darin. Eine Überschrift lautete ›Zweiter Teil‹ oder ›Zweites Kapitel‹. Darunter stand das Motto:
›Welcher Trambahnwagen wäre so frech, zu behaupten, dass er nur um des knirschenden Sandes willen fahre?
Robert August Lange, 1839.‹« (S. 76)

Überhaupt verweist in Adornos Traumprotokollen einiges auf Benjamin, auch auf seine Verwendung des Traums als »Medium unreglementierter Erfahrung«, das bedeutet »Quelle von Erkenntnis gegenüber der verkrusteten Oberfläche des Denkens«, wie Adorno einmal über Benjamins ›Einbahnstraße‹ bemerkte.16) Für die »philosophische Form«, die Benjamin in der ›Einbahnstraße‹ entwickelte, »war es wesentlich, eine Schicht zu finden, in der Geist, Bild und Sprache sich verbinden. Das ist aber die des Traums. So enthält denn das Buch zahlreiche Traumprotokolle und Reflexionen über Träume. Den Vorrang darin behaupten Erkenntnisse, die der Traumzone abgewonnen sind. Aber dies Verfahren hat nur geringe Ähnlichkeit mit der Freudschen Traumdeutung, auf die Benjamin zuweilen anspielt. Die Träume werden nicht als Symbole fürs unbewusste Seelische gesetzt, sondern wörtlich und gegenständlich gefasst. Freudisch gesprochen geht es in ihnen um den manifesten Trauminhalt, nicht um den latenten Traumgedanken.«17) Man kann hier einsetzen, dass damit Benjamin Freud gar nicht widerspricht, sondern vielmehr materialistisch radikalisiert; gerade deshalb kann Adorno ja am Verfahren Benjamins herausstellen, was er auch in seinen Traumprotokollen zur Anwendung brachte: »Nicht auf ihren psychologischen Ursprung ist es abgesehen, sondern auf die sprichwortähnlichen, aber höchst aktuellen Winke, welche die Träume dem Wachen zukommen lassen und welche die ratio sonst verachtet.«18) – Aus Grund soll man Träume nüchtern erzählen …19)

Theodor W. Adorno, ›Traumprotokolle‹, hg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz, mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2005, 120 S. geb.

  1. Sigmund Freud, ›Die Traumdeutung‹, Studienausgabe Band II, Frankfurt am Main 1989, S. 29. (↑)
  2. Freud, ›Jenseits des Lustprinzips‹, in: Studienausgabe Band III, S. 228. (↑)
  3. Freud, ›Die Traumdeutung‹, Studienausgabe Band II, S. 576 f. (↑)
  4. Vgl. Fußnotenerklärung in: Freud, ›Die Traumdeutung‹, Studienausgabe Band II, S. 577. (↑)
  5. »Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.« Freud, ›Die Traumdeutung‹, Studienausgabe Band II, S. 577; vgl. diese Ausgabe S. 11, wo der Satz als Motto wieder aufgenommen ist. (↑)
  6. Freud, ›Die Traumdeutung‹, Studienausgabe Band II, S. 577. (↑)
  7. Freud, ›Jenseits des Lustprinzips‹, in: Studienausgabe Band III, S. 223. (↑)
  8. Rolf Tiedemann u. a., Editorische Nachbemerkung, in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 1, Frankfurt am Main 2003, S. 381 f. (↑)
  9. Vgl. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 20·2, S. 572. (↑)
  10. Benjamin, ›Das Passagen-Werk‹, GS Bd. V·2, S. 1214. (↑)
  11. Benjamin, ›Das Passagen-Werk‹, GS Bd. V·2, S. 1033. (↑)
  12. Vgl. Benjamin, ›Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus‹ (Zentralpark), in: GS Bd. I·2, S. 677: »Die Mode ist die ewige Wiederkehr des Neuen.« (↑)
  13. Benjamin, Ms 478, in: GS Bd. V·2, S. 1250. (↑)
  14. Vgl. Freud, ›Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse‹, Studienausgabe Band I, S. 451. Vgl. dazu auch: Renate Schlesier, ›Hermeneutik auf dem Königsweg zum Unbewußten. Freuds Traumdeutung (1900)‹, in: Walter Erhart und Herbert Jaumann (Hg.), ›Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann‹, München 2000, S. 27 f. (↑)
  15. Valery, , zit. n. Benjamin, ›Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus‹, GS Bd. I·2, S. 647. (↑)
  16. Adorno, ›Benjamins ›Einbahnstraße‹‹, in: GS Bd. 11, S. 681. (↑)
  17. Adorno, ›Benjamins ›Einbahnstraße‹‹, in: GS Bd. 11, S. 681. (↑)
  18. Adorno, ›Benjamins ›Einbahnstraße‹‹, in: GS Bd. 11, S. 681. (↑)
  19. Vgl. Benjamin, ›Einbahnstraße‹, GS Bd. IV·1, S. 85 f. (↑)

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