Die Neuauflage von Tariq Alis Autobiografie der Sechziger

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Dieses Buch verspricht gut zu sein und wenn es das böte, was der Titel ankündigt, dann wäre es das auch: Eine Autobiografie der Sechziger, als beides – eine politische Autobiografie der Sechziger und eine Autobiografie der politischen Sechziger. Es ist natürlich ein etwas anderes Unterfangen als das, was Siegfried Kracauer mit seinem Buch ›Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit‹ vorhatte als Gesellschaftsbiografie, weil hier der Autor – der Trotzkist Tariq Ali – noch lebt und natürlich auch ein Stück seiner eigenen Biografie schreibt, als Zeitzeuge der sechziger Jahre; aber dennoch scheint die Intention, die Ali dereinst wohl hatte, als er 1987 das Buch das erste Mal publizierte, dem Anliegen der Kracauerschen Gesellschaftsbiografie durchaus verwandt zu sein. Wie bei Kracauer geht es übrigens auch hier viel um Musik; und wie Kracauer ist der Autor hier kein Experte in dem Gebiet, sondern vermag die gesellschaftlichen Bedingungen und Folgen der Musik und Musikentwicklung der sechziger Jahre zu vermitteln – freilich geht es hier um Pop; und zwar um Pop im Kontext der Politik – das ist das große Thema der Sechziger und schon der an die Rolling Stones erinnernde Titel verweist darauf: ›Street Fighting Years‹.

Als Grund der Neuauflage des Buches wird angegeben: der 25. Todestag von John Lennon und 40. Todestag von Malcolm X. Auch das passt dazu: In der Neuauflage findet sich ein beachtliches Interview, das Ali und Robin Blackburn mit John Lennon und Yoko Ono geführt haben. Man könnte sich darüber und darauf freuen, wenn dem ganzen Buch nicht ein ungeheuerliches fünfzigseitiges Vorwort zur Neuauflage vorangestellt wäre, welches weder formal noch vor allem inhaltlich in Relation dem Rest der Autobiografie angemessen ist: Die Jahre des Straßenkampfes will Ali wiederkommen sehen – in den Antikriegs- und Antiglobalisierungsdemonstrationen; er sieht neue Bündnisse entstehen und bewundert moslemische Frauen, die religiösen Fanatismus und Diskobesuch unter ein Kopftuch bringen; überhaupt will Ali immer wieder davon den Leser aus eigener Erfahrung überzeugen, dass mit Islamisten mehr als nur ein Staat zu machen ist: Mindestens kann man mit ihnen nämlich einen vernichten – Israel. Darauf kanalisiert Ali seine Ressentiments, immer mit dem Einverständnis des Lesers rechnend, dass Antizionismus und Antiamerikanismus sowieso linke Selbstgänger sind. Und für die britische Linke, an die Ali sein Buch adressiert, ist das leider mehr als wahr. In keinem politischen Bereich ging die Rechnung des trotzkistischen Entrismus mehr auf als im neuesten Antisemitismus. Der von britischen Universitäten ausgerufene Boykott israelischer Universitäten bestätigt dies. (An dieser Stelle ist der Hinweis auf das im Internet als Volltext zur Verfügung stehende Buch ›That’s Funny You Don’t Look Antisemitic‹ von Steve Cohen nachgerade Pflicht; es ist verlinkt auf den Internetseiten der Gruppe ›Engage‹, für die Werbung zu machen ohnehin obligatorisch ist: www.engageonline.org.uk/.)

Will man dem Buch ob des Vorworts noch irgendetwas Positives abgewinnen, so ist es positiv nur im schlechten Sinne zu verstehen: Schließlich ist diese Autobiografie der Sechziger tatsächlich als Gesellschaftsbiografie zu lesen – nämlich gleichsam als Studie über einen linken Sozialcharakter der Gegenwart; Ali schreibt selbst: »History rarely repeats itself, but it echoes.« Insofern entfaltet ›Street Fighting Years‹ die Genealogie eines Bewusstseins, das die Ohnmacht damit bekämpft, dass es sie mit Gewalt konsensfähig macht. Und das Brutale ist, dass es dafür schon gar keine Gewalt mehr braucht.

[Erstsendung: 28. September 2007; Radiobücherkiste 10.00 bis 12.00 Uhr. Sprechzeit: 4:54 Minuten]

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