Die Idee des Kommunismus (II)

Als ›Kapitalistischen Realismus‹ hat vor ein paar Jahren Mark Fisher »das weitverbreitete Gefühl« bezeichnet, »dass der Kapitalismus nicht nur das einzig gültige politische und ökonomische System darstellt, sondern dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen.« Die Diagnose ist nicht neu, »das Ende der Utopie« nannte das bereits vor fast einem halben Jahrhundert Herbert Marcuse. Mithin finden sich in der marxistischen Literatur seitdem vom Spätkapitalismus die Rede ist, also schon seit den 1920er Jahren, eingehende Analysen über den Zusammenhang von Politik, Wirtschaft und Kultur einer zunehmend hermetisch und hegemonial vom Kapitalismus geprägten Welt. Die Überflussgesellschaft, in der das individualisierte Glück des Massenkonsums zum besten Argument gegen den Sozialismus wurde, deuteten vermehrt seit den 1960er Jahren kritische Stimmen als verwaltete Welt, korporativen Kapitalismus, Technokratie, ja als eindimensionale oder sogar kranke Gesellschaft.
Als Anfang der Achtziger in den westlichen Gesellschaften die Grundfesten des allgemeinen Wohlstands allenthalben erschüttert wurden, kündigte sich dies mit der eisernen Ideologie neoliberaler Politik an: »There is no alternative!«, warnte Margret Thatcher. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus 1989 wurde das gleichsam zum Credo einer Gesellschaft, die sich nun vollends auf Kapital und Konsum eingeschworen wurde. Zwar gab es fundamentale Kritik am System, doch blieb die allgemeine öffentliche Resonanz darauf verhalten. Wenn schon soziale Untergangsszenarien, dann wurde die ›Mad Max‹- und ›Armageddon‹-Variante bevorzugt: freilich ist das Kino-Spektakel auch vergnüglicher als Debatten über Robert Kurz’ ›Kollaps der Modernisierung‹, Werttheorie, Überakkumulation und André Gorz’ These vom Zerfall der Arbeitsgesellschaft.
Als Ende der 1990er dann die so genannte New Economy – auf die als das stärkste Zugpferd des Turbo- und Kasinokapitalismus einiges gesetzt wurde – in die Krise geriet und sich im Bild einer mikroelektronisch optimierten Globalwirtschaft Risse abzeichneten, tauchte Karl Marx wieder auf: diesmal nicht als böser Klassenkampfprophet, sondern als guter Krisenapostel. Seither gehört es fast schon zum richtigen und rechten Ton, sich hier und da abfällig über den Kapitalismus an und für sich, Armut und Ungerechtigkeit im Speziellen zu äußern. Die 2000 veröffentlichte Gemeinschaftsarbeit ›Empire‹ von Michael Hardt und Toni Negri wurde aufmerksam rezipiert, hochgelobt insbesondere im eigentlich reflexionsresistenten liberalkonservativen Lager. Bücher mit Titeln wie ›Die Revolution steht bevor‹ von Slavoj Žižek oder das Manifest ›Der kommende Aufstand‹ vom Unsichtbaren Komitee werden längst nicht mehr als Nischenliteratur verlegt, gehandelt und rezensiert; Stéphane Hessels Streitschrift ›Empört Euch!‹ von 2010 erreichte eine Millionenauflage, und heute übt sich selbst Papst Franziskus in schonungsloser Kapitalismuskritik – zumindest verbal. Nun wird spätestens seit dem Arabischen Frühling immer wieder wortgewaltig proklamiert, dass der Kapitalismus gar nicht so alternativlos sei. (Das ist kein Widerspruch zu Fishers These von der Alternativlosigkeit des Kapitalismus: seine pessimistische Kritik am System formuliert der Kulturkritiker gekonnt mit bisweilen zynisch distanzierten Optimismus …)
Mit Verve hat vor einigen Jahren der französische Philosoph Alain Badiou seine »Idee des Kommunismus« ins Spiel gebracht und ein ›Erwachen der Geschichte‹ proklamiert. Viel vom Volk ist da die Rede, vom Widerstand, von der Demokratie.

[Fortzusetzen]

Slavoj Žižek / Costas Douzinas, ›Die Idee des Kommunismus‹, Band I, Laika Verlag: Hamburg 2012, 280 S. brosch.

Slavoj Žižek / Alain Badiou, ›Die Idee des Kommunismus‹, Band II, Laika Verlag: Hamburg 2012, 250 S. brosch.

Slavoj Žižek / Alain Badiou, ›Die Idee des Kommunismus‹, Band III, Laika Verlag: Hamburg 2012, 280 S. brosch.

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