The Century of the Self – Neue Folge 2

Gestern wurde ich Idiot

»Es beginnt mit einem Brief, es folgen durchwachte Nächte im Kasino. Eine Reise wird vorbereitet. Sie zielt in eine Science-Fiction, die nicht wissen will, wo sie ankommt. Noch steht alles still.
Nur das nervöse Zucken immer engerer Produktionszyklen erweckt den Anschein von Bewegung,
wie bei einer Fahrt auf dem Karussell, das auf der Stelle rotiert. Statt das Risiko zu wagen, sich mit dem Unbekannten zu konfrontieren, hält sich jede mögliche Bewegung in der kybernetischen Kontrollgesellschaft an einer Zukunft fest, die aus dem großen Datenstrom des Geschehenen als wahrscheinlich errechnet wurde. Aber die Zukunft kann nur unbekannt sein, und was gibt es Verführerisches als das Geheimnis? Kann in der besseren Welt vielleicht nur ankommen, wer aufgibt wissen zu wollen, wie diese bessere Welt aussehen wird?«
– Hans-Christian Dany

Nach ›Morgen werde ich Idiot‹ erscheint bei Nautilus im Oktober die nächste Flugschrift von Dany: ›Schneller als die Sonne. Aus dem rasenden Stillstand in eine unbekannte Zukunft‹.*

Der Titel bringt assoziativ drei wichtige Bücher ins Spiel:

  • Kodwo Eshun, ›Heller als die Sonne. Abenteuer in Sonic Fiction‹, übersetzt von Dietmar Dath, Berlin 1999.
  • Robert Jungk, ›Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher‹, Bern · Stuttgart · Wien 1956.

Sowie:

  • Klaus Theweleit, ›… ein Aspirin von der Größe der Sonne‹, hg. v. Lothar Leininger anlässlich des 15-jährigen Bestehens der Buchhandlung Jos Fritz, Freiburg i. Br. 1990.

In allen drei Büchern geht es um Zukunft, Fortschritt, dessen Geschwindigkeit und Richtung, und die Frage, wie Zukunft und Fortschritt in Hinblick auf Geschwindigkeit und Richtung überhaupt wahrgenommen werden – und so auch in Danys ›Schneller als die Sonne‹:
»Allem Gerede von Datenautobahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Kopfschmerztabletten mit beschleunigter Wirkung zum Trotz: In Wahrheit steht alles still. Nur das nervöse Zucken immer engerer Produktionszyklen erweckt den Anschein von Bewegung – wie bei einer Fahrt auf einem Karussell, das auf der Stelle rotiert.
Eine Ordnung versucht seit vierzig Jahren, ihr eigenes Ende hinauszuzögern. Für diesen Aufschub entschleunigt sie sich ständig durch immer mehr Sicherheit und Kontrolle, durch den Verzicht auf Fortschritt und den aggressiven Ausbau einer leerlaufenden Kommunikation. Mit kybernetischer List hat sie jede Vorstellung von der Zukunft abgeschafft.«
(Ankündigung auf der Verlagsseite: hier.)

Damit verfolgt Dany weiter, was ihn auch schon in ›Morgen werde ich Idiot‹ interessierte:
»Das System erhält sich selbst und ist ansonsten fast vollständig von jeder Bedeutung entleert. Das Anpassungsverhalten an die Störungen lässt sich aber nicht mehr mit einer Vorstellung des Zukünftigen, einer Haltung, einem Ziel, einer Religion, einer Alternative, geschweige denn einer Utopie in Einklang bringen. Es bleibt unbestimmt.« (Hans-Christian Dany, ›Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft‹, Edition Nautilus: Hamburg 2013, S. 56.)

Es wird sich lohnen, Danys Überlegungen noch einmal eben mit Robert Jungk zusammenzubringen. Dieser hatte schon 1952 in ›Die Zukunft hat schon begonnen‹ postuliert:
»Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: Die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.« (Robert Jungk, ›Die Zukunft hat schon begonnen. Amerikas Allmacht und Ohnmacht‹, Reinbek bei Hamburg 1965, S. 18 f.)

Zweifellos lesen sich Jungks Worte als Kritik. Sie appellieren, als Kritik ernst genommen und vor allem auch als solche verstanden, an revolutionäre Praxis, Welt zu verändern. Stattdessen ist gerade mit diesen Worten genau das Gegenteil passiert: sie sind in den Sprichwortschatz der Management-Ratgeber eingegangen, sind Leitsprüche evangelischer Fachtagungen zu Zukunfts- und Glaubensfragen, Motto für Hobby-Weltverbesserungs-Symposien und wohlfühlphilosophische Esoterik-Workshops. Seit den achtziger Jahren, in denen Kybernetik – nicht zuletzt durch technologische Amalgamierung – mit Kommodifizierung und konsumistischem Individualismus konvergierte, sind die von Robert Jungk nach solchen Worten konzipierten Zukunftswerkstätten zu ethisch-ästhetizistischen Selbstoptimierungsseminaren geworden, deren Ziel es ist, alles, was kommt, für Zukunft zu halten, an der man, wenn sie irgendwie schlimm wird, nicht schuld sei; das Gewissen ist vom Gewissen befreit, um sich gewissenlos im Hier und Jetzt einzurichten. »Gefahr bekannt, Gefahr gebannt.« Und im Prinzip kann weitergemacht werden wie bisher. – »Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.« (Hegel, ›Phänomenologie des Geistes‹, Werke Bd. 3, Frankfurt am Main 1986, S. 35.)
Die Kritik der Zukunft als kybernetisches Regime ist – und eben das gehört ja zur kybernetischen Ideologie – rückstandslos kybernetisch integriert worden, mit der Stellschraube Selbstkritik reflexiv optimiert. Noch einmal Dany: »Die Energien des Störenden werden verwertet und die Grundanordnung mit allen Mitteln aufrechterhalten.« (Dany, ›Morgen werde ich Idiot‹, a. a. O., S. 56.)

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Zur Gelegenheit der anstehenden Rezension werde ich mir auch noch ansehen:

Ossip K. Flechtheim, ›Futurologie. Der Kampf um die Zukunft‹, Frankfurt am Main 1972.

Michael Theunissen, ›Negative Theologie der Zeit‹, Frankfurt 1991.

Ernst Blochs Ausführungen zum menschlichen Zeitverständnis nach Augustinus; vgl. ›Zwischenwelten in der Philosophiegeschichte‹, Gesamtausgabe Bd. 12, Frankfurt am Main 1977, S. 46 ff., insb. S. 47.

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Schon gestern wurde ich Idiot.

Demnächst mehr.

(rb, 30|8|2015)

Anmerkung

*) Mit Zeichnungen und Scans von Lily Wittenburg.

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