Sartres methodischer Negativismus

Patrick Engel, ›Sartres methodischer Negativismus‹, Velbrück Wissenschaft: Weilerswist 2020, 480 S. brosch.
Verlagsankündigung:
»Den oft behaupteten Gegensatz zwischen einem frühen und einem späten Sartre gibt es nicht. Nur wenn die Negativität seines existentialistischen Frühwerks missverstanden wird, können die ethischen und sozialontologischen Aspekte der späteren Schriften dazu in Widerspruch treten.
Diese Einheit weist Patrick Engel in detaillierter Textinterpretation nach: Sartres früher Existenzialismus fokussierte Mangel, Unaufrichtigkeit, das Fehlschlagen zwischenmenschlicher Beziehungen und Ähnliches gerade nicht, um lediglich eine pessimistische und nihilistische Haltung zu akzentuieren. Vielmehr ging es ihm darum, aus diesen Phänomenen des Scheiterns ethische Maßstäbe abzuleiten. Sartre verfolgte stets, so die These, einen methodischen Negativismus (Michael Theunissen). Dieser läuft zunächst auf eine praktische Philosophie hinaus, die als negativistische Ethik der Existenz zu deuten ist.

Das vorliegende Buch bietet eine neue, umfassende Perspektive auf Jean-Paul Sartres philosophisches Gesamtwerk. Es räumt mit dem Gegensatz zwischen einem frühen und einem späten Sartre auf und zeigt am Leitfaden der Negativität Entwicklung und Gehalt eines der wichtigsten und anregendsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts.
Eine noch immer weit verbreitete Leseart besagt, dass Sartres früher Existenzialismus radikal pessimistisch und nihilistisch sei und sowohl eine ethische Haltung als auch eine theoretische Konzeption einer existenzialistischen Ethik unmöglich mache. Dieser Deutung wird die These gegenübergestellt, dass Sartres Fokussierung auf Formen der praktischen Negativität (Mangel, Unaufrichtigkeit, Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen etc.) methodisch motiviert war, um daraus ethische Massstäbe abzuleiten. Diese Negativismus-These – die auf Michael Theunissens Konzept des methodischen Negativismus gründet – gilt nicht nur für Sartres existenzialistisches Frühwerk, sondern auch für sein gesellschafts- und geschichtstheoretisches Spätwerk, den großangelegten Versuch, den Existenzialismus in marxistisch-dialektisch gedeutete Zusammenhänge einzubetten.
Begründet wird die These durch detaillierte und gründliche Textinterpretationen, die auf die erkenntnistheoretischen Prämissen des Früh- und Spätwerks eingehen, um aufzuweisen, wie die Formen der praktischenNegativität mit Formen der theoretischen Negativität (Nichts, Nichtsein, Negation etc.) zusammenhängen.
So zeigt der erste Teil des Buches, dass Sartres Analyse der Negativität im existenzialistischen Frühwerk von sich aus auf eine praktische Philosophie hinausläuft, die als negativistische Ethik der Existenz zu deuten ist. Sartre hatte eine solche existenzielle Ethik geplant, aber nie vollendet. Die Untersuchung seiner posthum erschienenen Entwürfe dazu zeigt, dass ihm sein früher existenzieller Ansatz zu idealistisch war und durch eine historisch-materialistische Sozialontologie ergänzt werden musste. Diese wird im zweiten Teil des Buches wiederum unter dem Gesichtspunkt des methodischen Negativismus betrachtet. Es wird dargestellt, wie das Spätwerk schließlich in einer negativistischen Ethik der Gesellschaft mündet.«

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