Schönheit als Glücksversprechen

Das Schöne und das Erhabene sind die beiden Schlüsselbegriffe der neuzeitlichen Ästhetik, die sich seit Baumgarten im philosophischen Diskurs etabliert hat. Vor allem mit dem Begriff des Schönen verband sich aufs Engste die Idee des Guten und Wahren, die das Bürgertum schließlich in Wirklichkeit umsetzen wollte: in der Schönheit sollte die in die Welt gesetzte Vernunft anschaulich werden. Die Realität bürgerlicher Vergesellschaftung allerdings hatte mit solcher Schönheit wenig zu tun; so wurde Schönheit zum Fluchtort, an dem seither im Namen der Kunst aufgehoben ist, was im kapitalistischen Zeitalter Versprechen bleibt – zum Beispiel Glück. »Die Schönheit ist in meinen Augen immer nur ein Glücksversprechen.« Stendhals Satz bedeutete nicht nur eine weitere Facette neuzeitlicher Ästhetik, sondern kann als Leitmotiv der kritischen Ästhetik bis zu Adorno gelten.

Konrad Lotter nimmt in seinem Essay Standhals Satz zum Ausgangspunkt für eine »Kette von Assoziationen« (S. 3): welche Bedeutung hat das »promesse de bonheur« für – so im Untertitel der Schrift angekündigt – »Stendhal, Heine, Tocqueville, Baudelaire, Schopenhauer, Nietzsche, Freud und Adorno«? Seine kritische, ja gesellschaftskritische Dimension erhält das Glücksversprechen bereits bei Stendhal, der den Begriff der »Dialektik von Versprechen und Erfüllung in einem politischen Sinne interpretiert. ›Glück‹ wird dann gleichbedeutend mit Freiheit oder Selbstbestimmung, die Schönheit oder überhaupt die Kunst zum Versprechen politischer Freiheit.« (S. 4 f.) Interessant ist dann die Frage, was mit der Kunst bei möglicher Glückserfüllung als Verwirklichung der politischen Freiheit passiert – und bereits hier geht es um ein »Ende der Kunst« nicht im Hegelschen, sondern Marcuseschen Sinne: »Ein glückliches Leben bedarf ihrer nicht mehr, da mit der Einlösung des Versprechens das Versprechen selbst aufgehoben und in Vergessenheit geraten ist.« (S. 5)

Hier greift Heine den Gedanken auf und radikalisiert ihn politisch, indem es um die Aufgabe geht, »das Glück der Menschheit tätig zu befördern.« (S. 11) Eine Wendung, die über diese, noch in sich befangene Ästhetik hinweist, erfährt die am Motiv des Glücksversprechens orientierte Kunsttheorie bei Tocqueville: Lotter verweist auf seine, wenn man so will, frühe Analyse frühester Kulturindustrie: Kunst hebt sich in der Moderne vor allem unter den Bedingungen des Marktes auf, wo sie nämlich Ware wird. Zumindest die höhere Kultur wird überflüssig, demokratisch bedroht – und insbesondere die deutsche Kulturkritik, bis zu Nietzsche, wehrt in diesem konservativen Interesse den demokratischen Fortschritt ab, um höhere Kultur zu bewahren: »Das Unglück der Sklaven erscheint durch das Glück der Gebildeten und zur Schönheit Befähigten gerechtfertigt.« (S. 14). Oder, wie Lotter Nietzsche zitiert: »Das Elend der mühsam lebenden Menschen muss noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwerke zu ermöglichen.« (S. 28) Vor allem ist solche Kulturkritik bei Nietzsche von Schopenhauer gefärbt und mit ihm gewendet – zum Glücksversprechen tritt der Wille hinzu: »Hatte Schopenhauer die Schönheit als den Königsweg aus dem Leben heraus beschrieben, als Kalmierung des Willens, als Sehnsucht nach dem Tode, so begreift sie Nietzsche als das gerade Gegenteil: als Aktivierung des Willens und Stimulierung des Lebens.« (S. 25)

Im Bogen von Stendhal zu Nietzsche zeigt sich theoriegeschichtlich die Dialektik einer Radikalisierung des politischen Aspektes einer Ästhetik des Glücksversprechens einerseits, das steigende Ressentiment gegenüber mögliche Einlösung des Versprechens durch Massenkultur andererseits. Zwar ist auch bekanntlich Adorno kein Freund der Massenkultur gewesen, seine Kritik zielt allerdings auf Massenkultur nicht grundsätzlich kulturpessimistisch-konservativ, sondern richtet sich gegen deren nur scheinbare Einlösung des Glücksversprechens. Mehr noch, bereits das Glück, welches von der Kulturindustrie in Aussicht gestellt wird, ist keines: »Das so erhaltene Glück [bietet] keine eigentliche Befriedigung mehr. Es ist falsch, Surrogat, bloßer Ersatz; an die Stelle der Erfüllung von Versprechungen tritt die Abfertigung von Bedürfnissen, von solchen insbesondere, die durch die Verheißung der Werbung (das ›Image‹ der Waren) schon genormt und klassifiziert sind.« (S. 33) – Dieses benennt nun im Kern den »Massenbetrug« der Kulturindustrie, das »falsche Glücksversprechen«. So begründet sich für Adorno – mit Kant – die Rückführung des Versprechens der Schönheit in deren »Interesselosigkeit« (S. 37). Mit diesem Gedanken beschließt Lotter seinen Essay und verteidigt damit einen Ansatz kritischer Ästhetik, der im Zuge der post- und spätmodernistischen Debatte, die sich allzusehr auf die Idealbegriffe von Schönheit und Erhabenheit konzentrierten, etwas in Vergessenheit geriet: Es ginge – so wäre der Essay, der als theoriegeschichtlicher Exkurs angelegt ist, politisch zu interpretieren – um einen Begriff des Glücks, der tragfähig ist, auch gegen die falschen Versprechen der Kulturindustrie, die radikalen, d.i. emanzipatorischen Momente der Gegenwartskunst freizulegen – denn diese (das wäre eine mögliche Fortsetzung des Essays) weiß ja um ihre Bedingungen längst und reflektiert sie: mit den künstlerischen Mitteln, die noch immer im Interesse des promesse de bonheur operieren.

Konrad Lotter, Schönheit als Glücksversprechen, édition questions im Salon Verlag: Köln 2000, 32 S. brosch.

[Zuerst in: Widerspruch Heft 36, München 2001.]

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