Jenseits der ästhetischen Theorie

Peter Osbornes Philosophie der Gegenwartskunst

Die Grundthese von Peter Osbornes fulminanter Großstudie ›Anywhere or Not at All‹, in der er nicht weniger unternimmt als eine, so der Untertitel des Buches, »Philosophie der Gegenwartskunst« zu entfalten, ist klar: »Contemporary art is postconceptual art«. Beziehungsweise: »Contemporary art, in the critical sense in which the concept has been constructed in this book, is a geo-politically reflexive art of the historical present of a postconceptual kind.«

Dabei ist das Postkonzeptuelle – wie auch Postkonzeptionelle – weitaus mehr als nur der kleinste gemeinsame Nenner von Philosophie und Gegenwartskunst: Es geht, dialektisch vermittelt, um eine Philosophie zur Gegenwartskunst, wie auch um eine aus der Gegenwartskunst sich bestimmende Philosophie. Überdies wird mit dieser Philosophie der Gegenwartskunst nicht einfach nur eine sei’s philosophische, sei’s kunstgeschichtliche Lücke geschlossen, denn – und das ist spätestens nach G. W. F. Hegel und Karl Marx in der Tradition einer kritischen Theorie klar, in der sich durchaus auch Osbornes verorten lässt – »Philosophie« ebenso wie »Kunst« stehen gleichermaßen infrage, und zwar schon in der Moderne grundsätzlich, das heißt mit der Postmoderne und dem ihr folgenden Epochalparadigma allemal. Zur Disposition steht jedoch, ob in Hinblick auf Gegenwart beziehungsweise Gegenwärtigkeit überhaupt noch »Philosophie« und »Kunst« in der Weise aufeinander beziehbar sind, nämlich in gegenseitiger Rettungsabsicht wiewohl auch, prekärer und radikaler, Rettungsnotwendigkeit, wie es etwa Theodor W. Adorno in seiner ›Ästhetischen Theorie‹ noch für die Moderne postulieren konnte (bemerkenswerter Weise ohne exemplarisch auf die künstlerische Moderne allzu starken Bezug zu nehmen) oder wie es Jean-François Lyotard dann für die postmoderne Ästhetik entwarf (auch hier bemerkenswerter Weise kaum mit Beispielsbezug postmodernen Kunst).

Beitrag erschien online bei ›Texte zur Kunst‹, Sept. 2013.
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