Menschliche Natur und radikale Praxis

»Im Gegensatz zu dieser [i. e. konformistischen] Ideologie bestehe ich darauf, dass es so etwas wie eine unveränderliche menschliche Natur nicht gibt.« – Herbert Marcuse, ›Ökologie und Gesellschaftskritik‹ (S. 176)

Titelgebend für den (bislang) letzten Band der Schriften aus dem Nachlass Herbert Marcuses ist ein Vortrag, den er am 23. April 1979 vor Studentinnen und Studenten in San Diego hielt. Marcuse stirbt drei Monate später während einer Deutschlandreise in Starnberg, was er also hier in diesem Vortrag formuliert, kann als sein Vermächtnis gelesen werden, gleichsam die Summa seiner kritischen Theorie.

Angesichts der neuen sozialen Bewegungen, insbesondere der Ökologiebewegung, versucht Marcuse noch einmal die Notwendigkeit einer Philosophie der Praxis zu akzentuieren: Sie hat den Menschen zur Voraussetzung wie auch gleichzeitig zum Ziel; emanzipatorische Kraft sind die Triebe, die auf den Zustand der Freiheit von Leid und Schmerz orientiert sind. Anders als jedoch (der spätere) Freud nach der Theorie des Todestriebs ordnet Marcuse allerdings dies nicht dem Wunsch zu, in eine frühere, vor dem bewussten organischen, also anorganischen Phase des Lebens zurückzukehren (»Leben im Mutterschoß«), sondern sieht hier den Eros, den Lebenstrieb wirken – den Wunsch nach Fortschritt:

»Der Trieb nach Freiheit von Leid, nach Befriedigung der Existenz würde dann in der beschützenden Sorge für lebende Dinge seine Erfüllung finden. Er würde Erfüllung finden in der Wiederaneignung und der Wiederherstellung unserer lebenden Umwelt, in der Restauration der Natur, und zwar der äußeren sowohl wie der inneren des Menschen. Genauso sehe ich die gegenwärtige Umwelt- bzw. Ökologiebewegung.« (S. 174)

Es ist diese »transzendierende Kraft des Eros« (S. 175), die mithin das gesellschaftskritische Motiv bestimmt und der verändernden, radikalen Praxis ihre menschliche Gestalt verleiht. Radikal ist solche Praxis gerade, weil sie sich am Menschen orientiert: und zwar eben nicht am vorgeformten Leitbild, sondern am Menschen, der sich in der praktischen Auseinandersetzung mit sich und der Welt überhaupt erst als Mensch hervorbringt, der also, nach dem berühmten Wort von Marx, radikal ist, weil er an die Wurzel geht, und die Wurzel ist eben der Mensch selbst: er demonstriert ad hominem.

Gesellschaftskritisch ist diese Praxis indes, weil sie nicht bei der individualistischen Aktion sich bescheiden kann, weil sie notwendig kollektiv sein muss – gleichwohl sie keine Bündnispartner in den bestehenden sozialen Kollektiven findet: In der Praxis erproben die Menschen die Möglichkeiten der menschlichen Gesellschaft – eine Praxis der Verwirklichung, die zugleich »unrealistisch« ist, weil sie mit den herrschenden Konventionen und Programmen der Realität bricht (»Möglichkeit« und »Wirklichkeit« werden hier in eine neue Konstellation gebracht, die tatsächlich etwas mit, nach Ernst Bloch, »konkreter Utopie« zu tun hat, und weniger mit der bloßen Illusion, dass es irgendwie anders sein könnte).

Die »Revolte gegen das herrschende Realitätsprinzip, … eine Revolte, die sowohl vom Geist als auch vom Körper der jeweiligen Individuen getragen wird« (S. 175), muss von »Sensibilität und Imagination« (S. 176) bestimmt sein: nur so wäre ein radikal-praktischer Bruch mit der herrschenden Logik möglich, die bisher die Geschichte zeitigte; nur so ist »das menschliche Ziel der radikalen Veränderung neu zu definieren.« Und Marcuse resümiert: »Ich will einmal wagen, dieses Ziel in einem kurzen Satz zu bestimmen. Das Ziel radikaler Veränderung heute ist die Entstehung von Menschen, die weder physisch noch geistig in der Lage sind, ein neues Auschwitz zu erfinden.« (S. 176)

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