Herbert Marcuses Beitrag zur unterirdischen Geschichte der Gefühle

Philosophie und Psychoanalyse

Mit ›Philosophie und Psychoanalyse‹ liegt nach ›Das Schicksal der bürgerlichen Demokratie‹ und ›Kunst und Befreiung‹ nun der dritte Band der ›Nachgelassenen Schriften› Herbert Marcuses vor; herausgegeben von Peter-Erwin Jansen versammelt jeder Band nicht nur bisher schwer oder kaum zugängliche Artikel, Vorlesungsmanuskripte und Interviews Marcuse, sondern auch biografisches Material, Fotografien und Faksimiles. Dazu gibt es eine in den jeweiligen Themenkomplex einführende Studie, die diesmal von Marcuse-Schüler Alfred Schmidt besorgt wurde – und in ihrer Ausführlichkeit fast die Hälfte des Bandes umfasst.

Philosophie und Psychoanalyse. Die ›Nachgelassenen Schriften Band 3‹ widmen sich dem Kernstück der kritischen Theorie Marcuses; die hier zusammengestellten Beiträge gehören in den Kontext von ›Triebstruktur und Gesellschaft‹ von 1955 und späteren Analysen zur Psychologie des Spätkapitalismus, insbesondere dann im Zusammenhang mit der studentischen Protestbewegung. Es geht Marcuse um »psychische Kategorien«, die zu »politischen Kategorien« geworden sind; und insofern Philosophie im Sinne der kritischen Theorie Marcuses eine Philosophie emanzipatorischer Praxis meint, heißt zur »Philosophie der Psychoanalyse« etwas beizusteuern, Psychoanalyse als radikale Kritik sozialer Zwangsverhältnisse zu begründen. In diesem Bezug auf Freud finden sich nun jene psychologisch-politischen Kategorien, die letztendlich eine kritischen Theorie des Subjekts untermauern sollten: Subjekt, zumal die Konstruktion des revolutionären, ist nicht widerspruchslos auf Sein und Bewusstsein zu bringen; eine »strukturelle Dynamik« (Max Horkheimer) führt eben zu dem Doppelcharakter aller Subjektivität, autonom Zugrundeliegendes zu sein und beherrscht Unterworfenes: Das abstrakte Kollektivsubjekt konkretisiert sich als Individuum permanent misslingender Individuation: Dass den Unterdrückten keine Revolution gelingt, liegt nicht nur am schiefen Kräfteverhältnis, sondern gründet in den psychischen Strukturen der Einzelnen, schlimmstenfalls in der psychischen Regression. Gleichwohl betonte Marcuse die Rolle des Bewusstseins. Gesellschaftliche Veränderungen bräuchten den antibürgerlichen Impuls der Verweigerung, den Marcuse einmal als »Neue Sensibilität« beschrieben hat: In den bis dahin ungewohnten Aktionsformen wie Sit-Ins, Teach-Ins etc., in den Kommunen und auf den Rockkonzerten entdeckte Marcuse »die einzig revolutionäre Sprache, die uns heute noch bleibt«. Denn indem die bereits in der politischen Aktion versucht wird, Utopie umzusetzen, treten in der revolutionären Praxis auch veränderte psychische Verhältnisse hervor, als neue Bedürfnisse und eben Verweigerung der falschen Bedürfnisse. Statt Leistung, Konkurrenz und Arbeit bestimme Spiel ein neues, spaß- und lustbetontes Leben. – Bemerkenswerter Weise ist diese, sicherlich von einer Romantik der Revolte nicht ganz freien kritischen Theorie des Hedonismus gerade innerhalb jenes Teils der Linken immer mehr in Misskredit geraten, die im Zuge zunehmender Bedeutung subkultureller Subversionspraxis – seit Disko und Punk – auf den Hedonismus der besseren Party gesetzt haben. In Foucaults Kritik der so genannten »Repressionshypothese« – wonach unsere ›normale‹ Sexualität pervertiert und unterdrückt werde – fand sich das theoretische Werkzeug schließlich gegen Marcuses Ansatz insgesamt; wenig störte, dass Foucault in späteren Schriften dann selbst ein lustvolles Subjekt wieder einführte, in großer Nähe zur kritischen Theorie Marcuses.

Es ging um die Stellung des Unbewussten, um die Triebstruktur, die Gefühle: der Hedonismus diente einer sexualfeindlichen Verlängerung der bisherigen Aussparung der Lust in die Popkultur. Je mehr vom Ficken die Rede war, umso weniger durfte damit genitale Lust gemeint sein. Nur die sexuell sowieso schon Diskriminierten durften das System ficken, gegebenenfalls von hinten, vermittels solcher Praktiken, die ansonsten in zwangsheterosexuellen Konstellationen zwangsheterosexuelles Tabu blieben. Dass dieser Prozess von einer totalen Sexualisierung und Pornografisierung der Warentauschgesellschaft begleitet wurde, ist nur ein Effekt eben der psychischen Struktur des Individuums. Einher ging diese hedonistische Sublimierung der Lust mit einer Psychologisierung, die Marcuse gerade verhindern wollte: Teile der Linken verflüchtigten sich in esoterische Seelenkunde, andere in paranoide Politsekten. Gegen Gestalttherapie und Gruppentherapie heißt es: »Diese Verwaltung des Glücks löst bei mir Übelkeit aus. Dort bringt man Menschen bei, sich gegenseitig zu berühren und Händchen zu halten! Wenn jemand das durch einfaches Ausprobieren nicht selbst lernt, dann kann er es ebenso gut gleich bleiben lassen.« Nichtsdestotrotz braucht es ein gewisses Maß an Störung, um Widersprüche auszuhalten und dem Konformismus der Irrationalität nicht Anheim zu fallen. »Es gibt eine Art von Verrücktheit, die notwendig ist, wenn man innerhalb einer repressiven Gesellschaft revolutionär arbeiten möchte, ohne von ihr unterdrückt zu werden«, sagt Marcuse Anfang der Siebziger in einem Interview. »Es ist ein Wahnsinn des Logos, und er ist hochgradig rational. Er schließt Einsichten in die grundlegenden Missstände der Gesellschaft ein und darüber hinaus eine Analyse der zur Verfügung stehenden Mittel und Wege, um die Gesellschaft zu ändern.«

Marcuse geht es nicht, wie etwa der so genannten revidierten Psychoanalyse Erich Fromms, um psychotherapeutische Rezepturen, sondern um die Möglichkeiten, das Unbewusste, Emotionale, meinethalben auch Erotische systematisch und politisch als kritische Theorie des Widerstands zu entfalten. – Das führt gleichsam zu den Grundlagen der kritischen Theorie überhaupt zurück. Der 1898 geborene Marcuse ist zunächst angezogen von der Phänomenologie Husserls und der Ontologie Heideggers, bis er dann – als einer der ersten im Übrigen – die Marxschen Frühschriften entdeckt und eine Philosophie der Praxis entwickelt, die von einer durch Entfremdung und Verdinglichung entstellten Subjektivität ausgeht. Als Mitglied des Instituts für Sozialforschung formuliert er zusammen mit Max Horkheimer das Programm einer kritischen Theorie der Gesellschaft.

Das, was Adorno und Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ die »unterirdische Geschichte« der »von der Zivilisation entstellten Instinkte und Leidenschaften« nannten, ist bei Marcuse das Scharnier seiner konkreten Philosophie der Praxis, einer »Dialektik der Befreiung«. Diese Dialektik ist jedoch von der zunehmenden Unterdrückung nicht zu trennen: Kultur ist einerseits die (geistige) Sphäre sinnlichen Genusses und Praxis, ihn zu erfahren; Kultur ist aber, nach Freud, auch das Ergebnis erfolgreicher Triebverdränkung zugunsten des Realitätsprinzips. Dieses regulative Realitätsprinzip ist heute, so Marcuses Ausgangsthese, durch eine überflüssige Lustversagung gekennzeichnet: das Leistungsprinzip. Zudem wird durch die technischen und sozialen Möglichkeiten eine Sublimierung der Triebe zunehmend unnötiger. Aufrechterhalten werde diese Situation durch »die Gleichschaltung des psychischen und des gesellschaftlichen Apparats«, »Verzicht und Unterdrückung werden in die Triebstruktur eingebaut«. Dieses berührt einen zentralen Befund der kritischen Theorie der Gesellschaft: die Herrschaft ist längst nicht mehr auf äußere, körperliche Gewalt angewiesen, sondern ist konstitutives Prinzip von Subjektivität, als Selbstbeherrschung. Anfang der Neunziger wird Gilles Deleuze in Fortsetzung der Foucaultschen Rede von der Disziplinargesellschaft für diese Ordnung des Sozialen den Begriff der Kontrollgesellschaft einführen. Bei Marcuse finden sich fast wortgleiche Formulierungen. Im Gegensatz zum eigentlich subjektlos bleibenden Poststrukturalismus impliziert die kritische Theorie der Gesellschaft widerständige Subjektivität aus den Widersprüchen von Subjekt-Objekt. Alfred Schmidt erläutert: »Bei aller Dynamik ist die von Marcuse geschilderte Gesellschaft in dem Maße statisch, wie die dem Fortbestand ihrer bisherigen Beschaffenheit dienlichen Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster in die psychosomatische Tiefenstruktur der Individuen einwandern und so Teil ihres Unterbaus werden. Allerdings bleibt die derart hergestellte Stabilität … problematisch … Psychische Widerstände … bleiben nicht aus.« Und Marcuse sieht hier die Möglichkeit einer »Wiederkehr des Verdrängten, die die unterirdische, tabuierte Geschichte der Kultur speist.«

Diese Möglichkeit der Befreiung ist allerdings geschichtsphilosophisch fundiert; Marcuse ist Hegelianer genug, um die Freudsche Theorie an materialistische Gesellschaftskritik zurück zu binden, die Subjekt immer als Entzweiung denkt, als Widerspruch. Und von der Utopie sich leiten lässt, dass eine Versöhnung von Subjekt und Objekt durchaus denkbar ist, die Abschaffung des Todes beispielsweise machbar. Das meint kein Herumphantasieren, sondern einmal mehr Kritik der Zustände und Bedingungen des Sterbens heute. Zu dieser, so zusagen, Metaphilosophie der Psychoanalyse finden sich in ›Philosophie und Psychoanalyse‹ ebenfalls Texte, etwa ›Die Ideologie des Todes‹ von 1958. Marcuse entwirft hier eine Theorie, die den Tod von der »natürlichen«, »biologischen« Grenze befreit, – vergleichbar vielleicht mit der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts in den Gender Studies. Auch hier also Aktualität einer kritischen Theorie, die auf ihre Aktualisierung allerdings noch wartet.

[Zuerst in: ›Jungle World‹ Nr. 35, 21. August 2002]

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