Das Schicksal der bürgerlichen Demokratie

Weder der einhundertste Geburtstag Herbert Marcuses im vergangenen Jahr noch der zwanzigste Todestag in diesem Jahr fanden auf dem Buchmarkt größere Beachtung; in der Presse gab es einige Erinnerungsberichte und Aktualisierungsversuche, eine Gedenktagung in Berkeley und die InkriT-Tagung in Berlin – beide 1998 – blieben die Ausnahmen. Dass Marcuses kritische Gesellschaftstheorie längst noch nicht erledigt ist und eigentlich nicht einmal ein Jubiläum als Anlass zur Vergegenwärtigung bräuchte, hat der Lüneburger zu Klampen Verlag bereits durch die Herausgabe der Berichte und Studien gezeigt, die Marcuse für den amerikanischen Geheimdienst über Nazideutschland anfertigte (›Feindanalysen‹, zu Klampen 1998). Douglas Kellner hat schon im letzten Jahr eine amerikanische Edition einiger Nachlassschriften Marcuses besorgt; Peter-Erwin Jansen betreut nun die auf fünf Bände angelegten ›Nachgelassenen Schriften‹ Marcuses, deren erster Band jetzt vorliegt: ›Das Schicksal der bürgerlichen Demokratie‹. Die Entstehungszeit der hier versammelten Texte – Aufzeichnungen und Vorträge – erstreckt sich von 1951, »als Marcuse, noch im Dienste der US-Regierung, einen ersten Blick auf die wiedererstandene Demokratie in Westdeutschland wirft, bis in die Jahre 1973/74, als er die autoritären Tendenzen der von Vietnam-Krieg und Watergate-Skandal zerrissenen amerikanischen Demokratie geißelt.« (Klappentext) Kurzum: ein politisch-philosophisches Lesebuch, in dem – wie bei den Texten dieses Zeitraumes nicht anders zu erwarten – einiges vorweggenommen ist, was Marcuse schließlich in ›Triebstruktur und Gesellschaft‹ sowie ›Der eindimensionale Mensch‹ explizierte. Dazu gehört vor allem die Darstellung seiner Kritik der Konsumgesellschaft, die ja eben keineswegs als Bemängelung eines Verbraucherbewusstseins gemeint war und etwa den mündigen Käufer forderte, sondern eine radikale Erweiterung der Kritik der politischen Ökonomie darstellt: Marcuse zeigt an der Dialektik der technologischen Rationalität, die ihre Folgen in der prekären affirmativen Verkettung von Produktions- und Reproduktionssphäre – was keine Aufhebung der Arbeitsteilung bedeutet – einen Warenfetischismus im fortschrittlichen Gewand; er zeigt zudem – und das zielt auf sein politisches Motiv –, dass keine krude Mobilisierung des Klassenbewusstseins Garantie für eine emanzipatorische Bewegung verheißt, weil mittlerweile die Identifikation mit der Logik des Warentauschs für das Subjekt konstitutiv geworden ist. Dies ist allem Klassenbewusstsein vorgeordnet, insofern es die grundsätzliche Bejahung und Aufrechterhaltung der kapitalistischen Prinzipien und ihres politischen wie kulturellen Überbaus gewährleistet.

Die Nachlassschriften sind keine bloße Ergänzung; vor allem in Hinblick auf Begriffsklärung markieren sie entscheidende Momente in Marcuses philosophischen Programm. Dies gilt etwa für Marcuses umstrittene Unterscheidung von »wahren« und »falschen« Bedürfnissen. Daß Marcuses mitnichten eine Bedürfnisdiktatur im Sinn hatte, zeigt die Erläuterung der Dialektik des Bedürfnisproblems: »Die vorhandenen menschlichen Bedürfnisse sagen aus sich selbst heraus nichts über den Umfang dessen aus, was für ihre Befriedigung unabdingbar ist – unabdingbar im Hinblick auf die Herausbildung besserer Lebensformen … Es gibt ›falsche‹ und ›wahre‹ Bedürfnisse, wobei erste dazu dienen, Plackerei, Aggressivität und die jeweils herrschenden Verhältnisse zu perpetuieren … Letztlich muss die Frage nach den ›wahren‹ Bedürfnissen durch die Individuen selbst beantwortet werden.« (S. 59)

Die sechs Beiträge werden von Oskar Negt eingeleitet, der die spezifische Dialektik in Marcuses kritischer Sozialphilosophie hervorhebt; eine kleine Auswahl an Abbildungen und Fotografien runden den Band ab. Die weiteren Bände werden Schriften zu folgenden Themen enthalten: Band 2 – »Kunst und Befreiung«; Band 3 – Philosophie und Psychoanalyse«; Band 4 – Die Studentenbewegung und ihre Folgen; Band 5 – Feindanalysen. Über die Deutschen‹; Band 6 – »Ökologie und Gesellschaftskritik«.

[Zuerst in: ›Das Argument›, Heft Nr. 235, 2000; auch in ›Widerspruch‹ Nr. 35, 2000]

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