Wintersemester 2020 / 2021: Medien, öffentliche Meinung und digitale Gesellschaft

Wintersemester 2020 / 2021
Leuphana Universität
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den medialen Möglichkeiten digitaler Kommunikationstechnologie und den Inhalten, die durch sie verbreitet werden; oder ist diese Technologie – das Internet mit seinen Plattformdiensten, Youtube, Twitter etc. – neutral? Wie verändert sich dieser Zusammenhang zwischen (digitaler) Form und (nicht-digitalem) Inhalt, wenn der »Inhalt«, der vermittelt wird, politisch ist; wird dann die Vermittlung selbst politisch? einfach gefragt: Gibt es einen – strukturellen – Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Populismus?
Angesichts der Corona-Pandemie und der sich formierenden Massenproteste gegen die politischen Infektionsschutz- und Eindämmungsmaßnahmen ist zu diskutieren: Ob die digitalen Medien die Verbreitung von Fake-News, Verschwörungstheorien, Wahnvorstellungen, Pseudowissenschaft, Irrsinn und Unsinn bloß technisch unterstützen, oder ob die digitalen Medien zugleich technisch verfestigen, dass sich Fake-News, Verschwörungstheorien etc. in unterschiedlicher, sei’s auch abgemilderter Weise zusehends im Meinungsbild des politischen Alltagsbewusstseins wiederfinden?
Diese Fragen sollen im Seminar anhand klassischer Medientheorien diskutiert werden:
Was bedeutet McLuhans berühmte These, dass das Medium die Botschaft ist, für die digitale Gesellschaft, wenn die Botschaft zugleich irrational überformt ist?
Enzensberger, Baudrillard, Negt und Kluge formulierten vor fünfzig Jahren Theorien für eine Praxis medialer Gegenöffentlichkeit – wie lassen sich diese Theorien heute anwenden, aktualisieren, widerlegen? Schließlich – Adorno schrieb 1960 über ›Meinung Wahn Gesellschaft‹: »Die Resistenzkraft der bloßen Meinung erklärt sich aus deren psychischer Leistung. Sie bietet Erklärungen an, durch die man die widerspruchsvolle Wirklichkeit widerspruchslos ordnen kann, ohne sich groß dabei anzustrengen. Hinzu kommt die narzisstische Befriedigung, welche die Patentmeinung gewährt, indem sie ihre Anhänger darin bestärkt, sie hätten es immer gewusst und gehörten zu den Wissenden. Das Selbstvertrauen der unentwegt Meinenden fühlt sich gefeit gegen jedes abweichende konträre Urteil. Diese psychische Leistung wird aber von pathischen Meinungen weit besser erfüllt als von den angeblich gesunden.« Verändert sich diese Diagnose in der digitalen Gesellschaft?

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