Wintersemester 2001·2002: Walter Benjamin: Spuren einer Kritik der modernen Alltagskultur

Walter Benjamin: Spuren einer Kritik der modernen Alltagskultur. Eine Einführung in sein Werk – Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Gestaltung (Bereich Ästhetik)
Das Seminar fand als jeweils alle zwei Wochen als vierstündige Veranstaltung statt. Montags: 13.30 bis 16.45 Uhr, Beginn am 15. Oktober 2001 (Raum 202, Marienstraße 7)
Walter Benjamin (1892–1940) sah in der Kultur des 19. Jahrhunderts die Bedingungen und Vorläufer der Massenkultur des 20. Jahrhunderts, teilweise in heute längst vergessenen technischen Vorformen (zum Beispiel: das Stereoskop, das Orchestrion, das Daumenkino etc.). Bereits in den tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des vorletzten Jahrhunderts – Stichwort Industrialisierung – zeichnen sich die Konturen neuer Lebensformen ab, die schließlich bis in die Gegenwart hinein unser Alltagsleben kennzeichnen. Benjamin hat in seinen Schriften eine interessante Perspektive auf diese strukturellen Veränderungen entwickelt und so gewissermaßen die unterirdische Kulturgeschichte unserer Gegenwart freigelegt: er hat philosophische Begriffe in die Alltagspraxis übersetzt und anhand der eher unbedeutenden Erscheinungen des Sozialen konkretisiert. Zum Beispiel zeigt er Parallelen zwischen der literarischen Form der Allegorie im Barock und den Emblemen der Reklame im Kapitalismus. Mit seiner kulturphilosophischen Interpretation der Ware wagt Benjamin eine der bemerkenswertesten Interpretationen der Marxschen Theorie vom Fetischcharakter der Ware. Schließlich finden wir bei Benjamin Ansätze, die gerade heute helfen können, den komplex erscheinenden Zusammenhang von Wirtschaftsweise, Kultur und Alltag zu entwirren. Benjamin ist einer der wenigen Theoretiker, die schon früh die auch heute noch bestimmenden Techniken und Phänomene der Massenkultur untersuchten (etwa: Radio, Kino, Mode, Mickey Mouse …).
Die Einführung in das Werk Walter Benjamins soll auch dazu dienen, einen allgemeinen Überblick über die Probleme der Ästhetik und der Sozialphilosophie des 20. Jahrhunderts zu bekommen. Ebenso sollten wir mit Benjamin ein Blick auf die Künste werfen, auf die Avantgarde und Moderne zu seiner Zeit: Surrealismus, Fotografie, Franz Kafka etc. Schließlich werden wir uns auch mit Benjamins Zeitgenossen beschäftigen, mit Siegfried Kracauer, Ernst Bloch oder Theodor W. Adorno. Da Benjamin auch Weimar besuchte und über Goethe schrieb, sollten wir diesen Spuren in Exkursionen folgen, etwa zu den Ruinen im Park …
Literatur:
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften in sieben Bänden, hg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, unter Mitwirkung v. Theodor W. Adorno u. Gershom Scholem, Frankfurt am Main 1991
Susann Buck-Morss, Dialektik des Sehens. Walter Benjamin und das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1993 (von Buck-Morss liegen noch zwei englische Texte im Seminarordner als Kopiervorlage).
Werner Fuld, Walter Benjamin. Zwischen den Stühlen, München 1979
Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main 1963
Sven Kramer, Rätselfragen und wolkige Stellen, Lüneburg 1991
Hans Mayer, Der Zeitgenosse Walter Benjamin, Frankfurt am Main 1992
Michael Opitz und Erdmut Wizisla (Hg.), Benjamins Begriffe (2 Bände), Frankfurt am Main 2000
Helmut Salzinger, Swinging Benjamin (erweiterte Neuausgabe), Hamburg 1990

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